"Weiße Rose Stiftung": Sophie Scholl als Identifikationsfigur

8. Mai 2001, 11:20
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Die Widerstandskämpferin als Symbol gegen Rassismus

München - Ungebeugt und ohne Angst ging Sophie Scholl in den Tod. Kurz vor ihrer Hinrichtung durch die Nazis am 22. Februar 1943 in München sagte die 22-jährige Studentin zu ihrer Mutter: "Wir haben alles, alles auf uns genommen. Das wird Wellen schlagen." Sophie und ihr ebenfalls von den Nazis ermordeter Bruder Hans waren führende Mitglieder der studentischen Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Die Geschwister wurden zum Inbegriff des Widerstands gegen Hitlers Gewaltherrschaft.

Kampagne für Toleranz und gegen Rassismus

Die "Weiße Rose Stiftung" in München hat dieser Tage in Ostdeutschland eine Kampagne für Toleranz und Menschenrechte sowie gegen Ausländerfeindlichkeit gestartet. Im Mittelpunkt der Kampagne, die sich an Jugendliche wende, stehe Sophie Scholl, sagt Franz-Josef Müller, Gründer und Vorsitzender der Stiftung. "Dabei stellen wir Sophie Scholl als historisches Vorbild gegen Rassismus und für Sympathie gegenüber allen Verfolgten dar." Die Stiftung hat Aktionen in mindestens 18 ostdeutschen Städten vorgesehen, in denen es in den vergangenen Jahren zu Übergriffen gegen Ausländer kam.

Widerstand gegen das Naziregime

Die Geschwister Scholl und ihr Freund Christoph Probst (24) wurden am 22. Februar 1943 im Gefängnis München-Stadelheim auf dem Schafott umgebracht. "Es lebe die Freiheit!", rief der 25 Jahre alte Hans Scholl, bevor er den Kopf unters Fallbeil legte. Die "Weiße Rose" hatte in Flugblättern zum Widerstand gegen das Naziregime aufgerufen. In der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hatten die Geschwister Scholl am 18. Februar 1943 das sechste - und letzte - Flugblatt der Gruppe während der Vorlesungen in den menschenleeren Gängen ausgelegt. Die restlichen Flugblätter warfen sie vom zweiten Stockwerk in den Lichthof der Universität. Der Hausmeister sah das, verschloss die Eingänge und verständigte die Gestapo.

Zum Tod verurteilt

Vier Tage später wurden die Geschwister und Probst in einem Schnellverfahren zum Tod verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet - "wegen landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung", hieß es im Urteil. Der Präsident des berüchtigten "Volksgerichtshofes", Roland Freisler, war eigens von Berlin nach München geeilt, um mit den drei Verhafteten kurzen Prozess zu machen. Das Verfahren hatte mit einem rechtsstaatlichen Prozess nichts zu tun, Urteil und Hinrichtung waren staatlich angeordnete Morde an politischen Gegnern.

"Was wir sagten und schrieben, denken ja so viele. Nur wagen sie es nicht, es auszusprechen", sagte die Biologie- und Philosophie-Studentin Sophie Scholl bei dem Verfahren im Münchner Justizpalast. Mutig rief sie später den Richtern zu: "Unsere Köpfe rollen heute, aber Ihre rollen auch noch!". In einem zweiten Münchner Prozess gegen die "Weiße Rose" wurden am 19. April 1943 Professor Kurt Huber (49), Alexander Schmorell (25) und Willi Graf (25) ebenfalls zum Tod verurteilt und exekutiert. Andere Mitglieder der Gruppe kamen ins Zuchthaus.

Anfangs für den Nationalsozialismus

Die Geschwister Scholl stammten aus dem Württembergischen. Hans, geboren am 22. September 1918 in Ingersheim an der Jagst, und Sophie, geboren am 9. Mai 1921 in Forchtenberg am Kocher, wuchsen in Ulm auf und zogen erst zum Studium nach München. Zur Schulzeit hatten sie zunächst noch begeistert in den Jugendorganisationen der Nazis mitgemacht. Der Eroberungskrieg Hitlers, die Greuel in den besetzten Gebieten vor allem im Osten, die systematische Ermordung der Juden und das Euthanasie-Programm, dem Behinderte zum Opfer fielen, ließen sie jedoch zu entschiedenen Gegnern der Diktatur werden. Ihr "Aufstand des Gewissens" beruhte nicht zuletzt auf ihrer christlichen Einstellung.

Der Historiker Golo Mann schrieb 1958 über die "Weiße Rose": "Sie fochten gegen das Riesenfeuer mit bloßen Händen, mit ihrem Glauben, ihrem armseligen Vervielfältigungsapparat gegen die Allgewalt des Staates. Gut konnte das nicht ausgehen, und ihre Zeit war kurz. Hätte es im deutschen Widerstand aber nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre des Menschen zu retten, welcher die deutsche Sprache spricht." (Jürgen Balthasar/dpa)

Am 9. Mai wäre Sophie Scholl achtzig Jahre alt geworden
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