Skandal um Mahfus Buch "Die Kinder unseres Viertels"

8. Mai 2001, 11:21
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42 Jahre nach dem Erscheinen soll der Roman des Nobelpreisträgers erneut den Religionsgelehrten Ägyptens zur Prüfung vorgelegt werden

Kairo - Ägyptens Intellektuelle können es kaum glauben. 42 Jahre nach dem Erscheinen soll der Roman "Die Kinder unseres Viertels" von Nagib Mahfus (89) erneut den Religionsgelehrten der Al-Azhar zur Prüfung vorgelegt werden - diesmal angeblich sogar auf ausdrücklichen Wunsch des Autors. Das 1959 erschienene Buch, das einst wegen eines Rechtsgutachtens der Al-Azhar in Ägypten verboten worden war, hatte den Literaturnobelpreisträger 1994 fast das Leben gekostet.

Nachdem religiöse Eiferer den allegorischen Roman über den Widerstreit von Wissen, Glaube und falschen Heilslehren als gotteslästerlich eingestuft hatten, verübten Terroristen ein Attentat auf den Grandseigneur der ägyptischen Literatur. Mahfus überlebte die Messer-Attacke und nimmt bis heute in seiner Zeitungskolumne in der halbamtlichen Tageszeitung "Al-Ahram" kein Blatt vor den Mund, wenn es um gesellschaftliche Missstände geht. Doch er ist etwas menschenscheu geworden und geht kaum noch aus dem Haus. Als er sich in der vergangenen Woche mit einem Bekannten in einem Kairoer Hotels traf, platzierte sich der seit Jahren an einem Stock gehende Schriftsteller mit seinem Leibwächter in der hintersten Ecke der Lobby.

Einverständnis der Religionsgelehrten

"Als wir ihn vor einigen Monaten fragten, ob wir eine Episode seines Romans für eine Radioserie benutzen dürften, stimmte er zu, aber unter der Bedingung, dass wir vorher die notwendige Erlaubnis einholen", erklärt Hamdi el Kuneisi, der ehemalige Präsident des staatlichen ägyptischen Radios. Zwar müsse man in Ägypten nicht für jede Radioserie das Einverständnis der Religionsgelehrten einholen, sagt er auf Anfrage. Dies sei nur erforderlich "bei einer Geschichte, die falsch interpretiert werden kann, so wie die von Nagib Mahfus", meint er.

Nicht verstanden

Der Autor selbst hat sich inzwischen offenbar daran gewöhnt, dass ihn einige seiner Landsleute konsequent missverstehen. "Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Botschaft nicht ankommt oder mich die Leute falsch verstehen, versuche ich nicht, mich zu verteidigen oder meine Schriften weiter zu verbreiten", sagt er.

Der Rat für islamisches Recht der über die Grenzen Ägyptens hinaus einflussreichen Al-Azhar-Moschee will nun voraussichtlich in den nächsten Tagen entscheiden, ob die Episode "Der Zauberer" im Radio ausgestrahlt werden darf. Die Geschichte erzählt vom Auftauchen des Zauberers Arafa in eine Kairoer Viertel. Arafa, der die Wissenschaft und den Zweifel symbolisiert, wird von den Mächtigen getötet, weil er angeblich Gott angegriffen hat.

Riesenskandal

Für die Kommentatoren des Kairoer Wochenmagazins "Rose el Jusif" ist der ganze Vorgang ein Riesenskandal. "Wieso haben wir jetzt schon wieder ein religiöses Verfahren zu diesem Buch?", fragt die Zeitschrift. "Die Kinder unseres Viertels" sei doch in den 70er Jahren bereits ohne jede Beanstandung als Serie im Radiosender "Sawt el Arab" gesendet worden. Doch was in den liberalen 70ern noch problemlos möglich war, ging schon 1989 - ein Jahr, nachdem Mahfus als erster Araber den Literaturnobelpreis erhalten hatte - nicht mehr. Die Ausstrahlung einiger Teile des Werkes im Radio wurde nach nur einer Woche gestoppt. (APA)

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