"Ökonomische Kultur"

8. Mai 2001, 09:13
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Immaterielles macht Erfolg

Graz - Wieso hat sich der Kapitalismus in Europa entwickelt und nicht bei den Arabern oder Chinesen? Diese Frage hat schon den Soziologen Max Weber beschäftigt. Er hat eine Erklärung dafür im Protestantismus gefunden: Die protestantische Arbeitsdisziplin und das protestantische Ethos, wonach das Geldausgeben zu Konsumzwecken verpönt ist, haben seiner Meinung nach den Kapitalismus ermöglicht.

Ethnie entscheidet

Für die unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungen, die heute auf der Welt zu beobachten sind, reicht diese Erklärung allerdings längst nicht mehr aus. Abgesehen davon, dass ein Grund für die wirtschaftlichen Erfolge der ostasiatischen Staaten auch die Religion - wenn auch nicht der Protestantismus - sein mag: Warum schaffen es Schwarze und Puertoricaner in den USA nur selten, aus den Slums der Großstädte herauszukommen, während sich chinesische oder indische Immigranten mit annähernd gleichen Ausgangspositionen meist spätestens in der zweiten Generation in der amerikanische Mittelschicht etabliert haben?

"Es geht eben nicht nur um Daten und Fakten, sondern auch darum, wie die Leute ihre Situation betrachten und welche Motivation sie haben", meint Manfred Prisching, Soziologieprofessor an der Universität Graz und wissenschaftlicher Direktor der Fachhochschule Joanneum. Die Wirtschaftstheorie untersucht die "harten" Fakten, also die materiellen Rahmenbedingungen des Produzierens, ignoriert aber weitgehend die "ökonomische Kultur". Nur wenige Theoretiker haben hinterfragt, ob und wie Volkszugehörigkeit, Ethnie, Religion und andere derartige Elemente eine Rolle spielen für wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg.

Prisching, der die "Arbeitsgemeinschaft Sozialethik" der Österreichischen Forschungs- gemeinschaft leitet, hat nun in Graz einen zweitägigen Workshop organisiert, der sich ausschließlich mit dem Thema "Wirtschaftsmentalität" beschäftigt. Anlass dafür ist auch, dass sich die Erwartungen, die man an die ost-und mitteleuropäischen Staaten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus gestellt hat, heute als naiv erweisen. Prisching: "Es geht nicht nur darum, was die Leute in ihren Brieftaschen haben, sondern auch darum, was sie in ihren Hirnen und Herzen haben."

Vertrauen als Kapital

Vertrauen zu anderen Menschen zu haben und sich auf sie zu verlassen sind z. B. Komponenten, die das Wirtschaftsleben wesentlich mitbestimmen. Nicht zufällig basiert etwa der Diamantenmarkt in New York auf einem unglaublichen gegenseitigen Vertrauen. Reicht Ehrlichkeit, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein? Lohnt sich Anstrengung? Wer ist wofür verantwortlich? Welche Verhaltensweisen sind angemesssen? Wie lässt sich überhaupt wirtschaftlicher Erfolg definieren?

All diese Fragen sollen in dem Workshop, der am 11. und 12. Mai in der Fachhochschule Joanneum (Graz, Alte Poststraße 149) stattfindet und für jedermann zugänglich ist, erörtert werden.

(Elisabeth Welzig, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 08.05.2001)

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