Zweite Staffel: Russland, Schweden, Litauen, Lettland, Kroatien

8. Mai 2001, 17:06
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Hier kommen die wahren Knaller!

6) RUSSLAND:

Der russische Beitrag 2001 ist sen - sa - ti - o - nell, das garantieren wir Ihnen schriftlich. Und damit völlig Song Contest-untauglich. „The most socially dangerous band in the world" Mumiy Troll gehört seit ein paar Jahren zur Crème der russischen Rock-Szene, verkauft stapelweise CDs und wurde zur besten heimischen Band des Millenniums gewählt. Und weil sie uns gar so gut gefallen, werden wir ihnen noch einen eigenen Artikel widmen.

Gleich zu Beginn ihres Songs “Lady Alpine Blue“ (was soll das eigentlich heißen???) wird man von der Flut der Eindrücke geradezu erschlagen: dem androgynen Sänger, der Doors-Aufmachung der Band, dem bedeutungsschwangeren Cembalo-Intro ... was dann folgt, ist ein Parforceritt durch die Epochen der Pop- und Rock-Geschichte. Die Stationen: 60ies-Psychedelia. Electric Light Orchestra. Flash and the Pan. Santana. Santana? Doch, auch der. Verzerrte Vocals wie bei den Buggles (oder liegt’s nur am Akzent?). Und all das nicht notwendigerweise in chronologischer Reihenfolge - vielmehr springen die Mumiytrolle von einem Jahrzehnt ins übernächste und wieder zurück.

Cool. Bizarr. Großartig. Und Stermann/Grissemann werden sich vor Lachen in die Hose machen.

7) SCHWEDEN:

Ödet es Sie auch so an, bei jedem schwedischen Act reflexartig die ABBA-Referenz reingedrückt zu bekommen? Als ob die Cardigans oder Stakka Bo oder Eagle-Eye Cherry auch nur irgendetwas mit den legendären vier zu tun hätten.

Umso mehr staunt man dann, wenn eine Band antritt, die in der Tat haargenau wie ABBA klingt. Aus Schweden. Zum Grand Prix. Wie die Friends. Ihr “Listen To Your Heartbeat” brummt geradezu vor Abbaismen: dem Uptempo- Beat. Dem zweistimmigen Frauengesang. Dem Killer-Refrain. Dem Benny-Andersson-Klavierakkord a la „Waterloo“ oder „Dancing Queen“.

Hier kommen alle auf ihre Rechnung: 70ies-Nostalgiker. Hardcore-Grand Prix-Freaks. Tanzbeinschwinger. - Unnötig zu sagen, dass die Friends als haushohe Favoriten gehandelt werden. Daran können auch die Plagiats-Vorwürfe, die sie seit Wochen umschwirren, nichts ändern.

Bloß England könnte die noch abfangen.

8) LITAUEN:

Während der Song Contest des Vorjahres in seiner Zusammensetzung an die familiären Bewerbe unserer Kindheit erinnerte, ist der heurige wieder stark ost-lastig. Was den Grand Prix durchaus um vieles bereichert - Skamp zählen allerdings nicht dazu, auch wenn sie daheim in Litauen zu den erfolgreicheren Bands gehören. Und vehement die Multikulti-Karte zücken.

Sängerin Erica Jennings wirft sich mit Vorliebe in ihre Dauerpose, die auszudrücken scheint: „Ey Mann, was bin ich für ein verruchtes Luder...“. The Rhythm! The Blues! So jazzy! Man will schon wegzappen, da rappen plötzlich die zwei sie begleitenden B-Boys los, inklusive „Motherfucker“ und was nicht gar. “U Got Style!“ singt sie. „U Ain’t Got A Chance!“ halten wir dagegen.

9) LETTLAND:

Hier kommt auch schon das Gegengift: Arnis Mednis mit Namen, eine Art baltischer Stefan Raab, der auch nur zum Scherz einen Beitrag zur lettischen Vorausscheidung eingesandt hat - doch (die Story kennen wir ja) genau der wurde dann natürlich genommen. Übrigens sollten wir Arnis eigentlich kennen - laut seiner Biographie ist er ein Künstler „with a lot of experience“ unter anderem in ... Österreich! Da schau her.

Was den Raab-Vergleich anbelangt, da sei zu Arnis’ Ehrenrettung gesagt, dass er zum Glück doch wesentlich mehr Wert auf die Musik legt. Die präsentiert sich als schräge Mischung aus Dancefloor-Beats, Akkordeons, weiblichen Ethno-Schreigesängen, Gary Glitter-Gitarren und ein wenig Hillbilly. Hoher Unterhaltungswert. Ach ja: “Too Much“ heißt der Song.

10) KROATIEN:

Vanna schließlich ist die gute Frau aus Kroatien, die ihr “Strings Of My Heart“ mit einem Hauch von Ethno-Mystik beginnen lässt. Doch - Nachtigall, ick hör dir trappsen! - man ahnt schon, was dann kommen wird. Und - richtig - ein Stampfen setzt ein, wir sind wieder im tanzbaren Bereich. Und schon wieder so ein Melodiebogen, der nach oben verläuft. Die Streicher-Einsätze stören dabei etwas, werden vom Text jedoch offenbar erzwungen.

Einen Sonderpreis für unfreiwillige Komik verdient der Refrain: „And let the fiddler play / on the strings of my heart ...“ Huch.

*

... und damit beginnt eine ziiiiemlich lange Durststrecke, seien Sie schon einmal vorgewarnt.

(Josefson)

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