Eine Pionierin des zivilen Ungehorsams

7. Mai 2001, 20:31
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Ex-EU-Kommissarin Emma Bonino

47 Kilo wiegt sie nach sechs Tagen Hungerstreik. Den ÄrztInnen, die um ihre Gesundheit bangen, macht sie klar, dass nur sie selbst über sich entscheidet. Die MedizinerInnen des Mailänder San-Paolo-Krankenhauses wissen, dass sie es mit keiner gewöhnlichen Patientin zu tun haben. Unbeugsamkeit ist das Markenzeichen von Emma Bonino.

Als sie einen Schwächeanfall erleidet und Herzprobleme auftreten, lässt sie sich schließlich überzeugen, zwei Gläser Wasser zu trinken. Nicht ohne gleichzeitig mitzuteilen, dass sie den Hungerstreik fortsetzen werde. In ihrem Krankenzimmer empfängt sie FreundInnen, JournalistInnen und Fernsehteams. Prominente BesucherInnen lösen einander ab: Gesundheitsminister Umberto Veronesi, Frauenministerin Livia Turco, der Mailänder Bürgermeister Gabriele Albertini. Emma Bonino sorgt für Schlagzeilen.

Nicht zum ersten Mal. Die zierliche Piemontesin ist eine Kämpfernatur. Sie liebt die Barrikaden. Sie verachtet Anpassung. Ohne Herausforderung kann sie nicht leben. Ihren ersten großen Erfolg errang sie 1974 mit der Volksabstimmung über die Scheidung, bei der die Christdemokraten eine schwere Niederlage erlitten. 1975 wurde sie bei einer Abtreibungskundgebung erstmals festgenommen. 1976 zieht sie für den Partito Radicale ins Parlament ein. 1978 gehört sie zu den Initiatoren der Volksabstimmung, die Italiens Ausstieg aus der Atomenergie besiegelt.

Nichts liebt die 52-jährige Kettenraucherin so wie zivilen Ungehorsam. Sie setzt sich für die Freigabe leichter Drogen ein, kämpft gegen die Todesstrafe und für die Aidsvorbeugung. Ihre große Stunde schlägt 1994, als die Regierung Berlusconi sie zur EU-Kommissarin ernennt. In Brüssel erwirbt sie sich durch ihre unorthodoxe Politik Respekt: Sie seilt sich vom Hubschrauber auf Fischkutter ab und wird in Kabul bei einer Aktion zugunsten afghanischer Frauen festgenommen. Sie gehört zu den Aktivistinnen für ein UNO-Kriegsverbrechertribunal und für ein weltweites Minenverbot.

Mit ihrem Hungerstreik wendet sich die Querdenkerin jetzt gegen die "Diskriminierung der kleinen Parteien". Sie kritisiert die "Scheindemokratie": "Wir haben 44 Parteien im Parlament. 300 Abgeordnete haben in dieser Legislaturperiode die Partei gewechselt." Die wichtigen Themen würden im Wahlkampf ignoriert, schimpft Bonino. "Wir wollen, dass über Biotechnologie und Genforschung gesprochen wird, über Euthanasie und Abtreibung, über Drogen und Unterentwicklung."

Staatspräsident Carlo D'Azeglio Ciampi hat an die Medien appelliert, sich dieser Themen anzunehmen - für Bonino nur ein Teilerfolg. "Ohne konkrete Ergebnisse wird der Hungerstreik fortgesetzt", sagt sie. Für Kompromisse war die beharrliche Kämpferin noch nie zu haben.

(Gerhard Mumelter)

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.5. 2001)

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    bild: derstandard
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