Zweimal Tod und einmal Lüge

7. Mai 2001, 21:31
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  • Krebs Das kleine Mädchen mit dem kahlen Schädel, das sie "Spoonface" nennen, weil sein Gesicht die Form eines Löffels hat, ist zum Sterben verurteilt. Sein Rückzug aus dieser Welt, der es zuerst in die abgeschotteten Zonen des Autismus führte, wird schließlich von einer Krebskrankheit irreversibel gemacht. Und sein Autor, der Brite Lee Hall, nutzt in dem preisgekrönten Monolog "Spoonface Steinberg" den Fall dieses Kindes zu einem so genannten Sittenbild der Gesellschaft.

    Eine Abrechnung, die Ricky May als Solo-Protagonistin ihres gerade gegründeten European Group Theatre in Karl Welunscheks Rabenhof Theater präsentiert. Und sie setzt sich da zu Beginn beeindruckend in Szene: ein von Angstschüben gebeuteltes Opfer, das stockend seine Leidensgeschichte hervorkramt. Es ist die Geschichte einer Verweigerung.

    Den einzigen Trost findet "Spoonface" dann im Malen und in der Musik, das heißt in Todesarien quer durch die Opernliteratur, von Norma bis La Traviata, im Rabenhof alle gesungen von "La Divina" Callas. Doch das Stück hält einige Fallen bereit, in die Regisseur Peter Wolsdorff, Intendant in St. Pölten, alle getappt ist. Statt Halls redseligen Autismus-Report einzudämmen, walzt Wolsdorff den Monolog aus zu einer zweistündigen Betroffenheitsarie, in der Ricky Mays Kunst die Luft ausgeht. Weniger wäre wieder einmal viel mehr gewesen.

    (Lothar Lohs/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

    Rabenhof.THEATER, 20 Uhr
    3., Rabengasse 3, (01) 712 82 82, 9. 5. abgesagt, nächste Vorstellung 17. 5.


  • Ende Bereits innerhalb des dritten Bezirks lässt sich die so verabreichte Überdosis an Betroffenheit sogleich auf ein leicht verträgliches Maß herunterschrauben. In einem schwarz ausgefütterten Raum irgendwo inmitten der Clubbing-wummernden Sofiensäle probt WUT, das Wiener Unterhaltungstheater, den Ernstfall des Sterbens wie eine müde Geburtstagsparty.

    Anselm Lipgens und Michael Aichhorn konzipierten - im Rausch der Sinne! - ein Fest der Egalität der Sinne: Wechselweise Essen und Theater genießen oder von beidem satt sein. All das darf sich ein Zuschauer beim "Fest des Lebens" erlauben. Lange stehen, kurz sitzen, auch Anteilscheine für ein Erschießungskommando kaufen: Fleischtomaten klatschen dabei rotspritzend an das Nagelbrett. Es ist ein liberaler Abend, aber mit Kalkül, einer der die Angst vor dem Ende - sozusagen offen aufs Spiel setzt. Mitunter leicht esoterisch.
    (afze/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001))

    Sofiensäle, 20 Uhr,
    3., Marxergasse 17, Karten: 0676/618 99 66. Fr, Sa, So bis 20. 5.

  • Lüge Schön wäre es gewesen, wenn es Wolfgang Palka gelungen wäre, in Lillian Hellmans Südstaatenstudie "Die kleinen Füchse" die atmosphärische Dichte eines Julien-Green-Romans spürbar zu machen, die säuerliche Luft der Lüge zu verströmen. Dies wäre im angedeuteten Kolonialstil-Bühnenbild von Martina Tscherni der Versuch gewesen. Stattdessen aber Neureichen-Betriebsamkeit mit einem Nestroy-Diener (Roger Murbach).
    (afze/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

    Theater Akzent, 19.30 Uhr
    4., Theresianumgasse, Karten: (01) 524 72 63.

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