Beichten und antike Vorbilder

7. Mai 2001, 21:13
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Peter Zadek inszeniert "Bash" von Neil LaBute an den Hamburger Kammerspielen

Hamburg - Als Agamemnon die Griechen in den Trojanischen Krieg führte, verwehrte anfangs Windstille die glückliche Ausfahrt. Erst nachdem der Feldherr seine Tochter lphigenie den Göttern geopfert hatte, gab's gutes Segelwetter. Doch die antiken Götter führten doppelt Buch, und Iphigenie war bloß der Vorschuss. Den Rest beglich Klytämnestra, als sie den heimgekehrten Gatten im Blutbad meuchelte.

Im dunkelgrauen Anzug hockt Agamemnon breitbeinig auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele, stützt den schweren Oberkörper auf die Unterarme, drückt die Fingerspitzen aufeinander und bilanziert sein mediokres Angestelltenleben. Kommt er auf den Preis zu sprechen, den er bezahlt hat, damit seine Frau zu Hause weiter Herd und Kinder hüten kann, kriegt der fabelhafte Schauspieler Ben Becker feuchte Augen, der Blick wandert starr durch den Raum. Vielleicht, weil die Sitte es so verlangt; oder: weil die Rechnung gefälscht war.

Denn der Durchschnitts-Agamemnon, dieser unbekannte Soldat im Arbeitsmarktnahkampf, glaubte einst, seine fünf Monate alte Tochter opfern zu müssen, um den ]ob zu behalten. Doch kein Selbstmitleid und kein Schrecken ohne Katharsis: Er saldiert den Mord als Schicksal und lacht erleichtert auf.

Der 1961 geborene US-Filmemacher und Theaterautor Neil LaBute versammelt in seinem szenischen Triptychon Bash - Stücke der letzten Tage drei Geschichten von ersten und letzten Dingen. Die beiden Seitenbilder grundiert er mit dem Blut der Mythen von Iphigenie und Medea und schildert darauf in virtuosen Beichtmonologen Zehn-Zeilen-Vorkommnisse aus der Kriminalchronik: verzweifelter Vater tötet Tochter, gekränkte Mutter killt Sohn.

Im Mittelstück sind die Schauspieler Judith Engel und Uwe Bohm ganz betäubt davon, wie gut sie aussehen. Der ewige Grinskopf in seinem ein paar Nummern zu großen Leihsmoking gockelt wie ein Firmling, der gleich die Oscar-Verleihung moderieren darf. Und das bildhübsche Entlein im rosa Kleidchen spreizt zart sein Gefieder, an dem rein gar nichts haften bleibt. Zwar kann sie ein bisschen Blut schon erregen ("Ist das jetzt dumm, wenn ich das sage?"), aber nur auf der persilweißen Hemdbrust ihres Boyfriends.

Doch, man ahnt's, so unschuldig ist das Studentenpärchen keineswegs. Blut ist auch hier im Schuh. Als sie während einer eleganten Party in einem New Yorker Nobelhotel im nahen Central Park kurz Luft schnappen gingen, erschlugen John und seine beiden Studienfreunde einen älteren Homosexuellen. Weil's Sünde ist, und weil Sünde, das wissen die gerechten Mormonensprösslinge, nach Strafe schreit.

Medea wiederum sitzt an einem Tisch, vor sich ein Aufnahmegerät, und raucht. Hinterm vergitterten Fenster ein trüber Tag. Auch sie hat den Namen ihrer mythischen Urmutter nicht behalten, ist bloß ein Fall, keine Person mehr. Stockend und doch so, als spräche sie von einer anderen, gibt sie die Zerstörung ihres Lebens zu Protokoll.

Mehr noch als ihre Worte erzählen die wehen, wasserblauen Augen von Judith Engel, ihr in den Redefluss gestreutes zartes, irres Lächeln, von der langsamen Wandlung des Opfers zur Täterin. Wie sie am 14. Geburtstag in einem Boot auf dem Lake Michigan von ihrem Lehrer geschwängert wurde, wie der Kindsvater sich aus dem Staub machte, wie sie schließlich in einem Motelzimmer in Phoenix, Arizona, ihren Sohn tötete, weil sie dem Vater das Glück der Sohnesliebe nicht gönnte.

Judith Engels atemberaubende Seelenzergliederung einer Frau, der ein Teil der Kindheit geraubt wurde, ist der Gipfel von zweieinhalb Stunden Theaterkunst, in denen alles, wie stets in den großen Arbeiten Peter Zadeks, scheinbar kunstlos wirkt und dennoch grandioser, stadttheaterfernster Zauber ist. Zadek leuchtet in Abgründe, indem er Wunderkerzen anzündet. Man sieht alles. Erschrickt. Ist trotzdem selig.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

Von
STANDARD-Mitarbeiter Oswald Demattia

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