Was Männer lebenslang verbindet

7. Mai 2001, 21:00
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Sándor Márais wiederentdeckter Roman "Glut" dramatisiert am Volkstheater

Wien - Die "intimen Erinnerungen zweier Greise, die auf den Tod zustolpern", wen kümmern sie groß? Sándor Márais General Henrik hat Recht. Eine Dreiecksgeschichte, 40 Jahre danach, klingt irgendwie öde. Wenn die Glut im 1942 verfassten Roman des ungarischen Exilschriftstellers 1999 bei der Wiederauflage im Piper Verlag dennoch gezündet hat, und wenn sie jetzt in der Erstinszenierung dem Wiener Volkstheater-Publikum auch dramatisch einheizt, liegt es gewiss nicht am Plot. Vielmehr: Sándor Márai war über das bloße Erzählen hinaus ein wunderbarer Seelenkenner. Und Wolfgang Hübsch leiht dem alten Henrik das ganze Können, mit dem ein reifer Bühnenkünstler die Zuschauer eineinhalb Stunden spielend bannt.

Michael Gruners Regiekonzept ist ungefähr so konventionell wie die Handlung. Exakt, sorgfältig, aber doch altbackenes Salontheater beinahe. In zwei braun bemalten, kargen Schlossräumen (Bühne: Peter Schulz) erwartet und empfängt Henrik seinen jahrzehntelang verschollenen Freund Konrad. Draußen Gewitter, der Wind stößt einmal das Fenster auf. Drinnen das Kaminfeuer, die weiß gedeckte Tafel. Im Kerzenschein die gespenstischen Schatten der Männer. Und manchmal scheu an der Türe das herzenstreu ergebene Dienstmädchen Chris Pichlers. Die Großmutter, einst Henriks Amme, hat in diese Nini erstaunlich erfolgreich das Sozialgefüge einer anderen Zeit gepflanzt.

"Du hast mein Leben ruiniert, aber wir sind immer noch Freunde"

Allein im dünnen, grauen, zusammengebundenen Haarbusch im Nacken Konrads, des Freundes, deutet sich das 20. Jahrhundert an. Und Peter Uray, von Textadaptor Knut Boeser über weite Strecken zum Schweigen verurteilt, vermittelt mimisch und gestisch große Geduld, bisweilen ein bisschen Widerstand und meistens gehörige Feigheit. Er gibt letztlich nichts zu als seinen Anteil am Leben, in dessen Verlauf es schon vorkommen mag, dass ein Freund sich in die Frau seines Freundes verliebt, den Freund erschießen will und flieht, weil er es nicht zuwege bringt.

Spannend macht es Wolfgang Hübsch als der Aufrechte, der 40 Jahre lang gewartet hat, aus dem verräterischen Freund wenigstens ein Geständnis zu quetschen. Kriminalistisch hat er sich die damaligen Ereignisse zusammengereimt, um seine Analyse endlich vorzutragen. Halb triumphierend, halb lauernd. Von Hübschs Henrik kommen dabei die Einsichten, die diese Bühnenübung legitimieren: "Du hast mein Leben ruiniert, aber wir sind immer noch Freunde", wundert er sich. Bis ihm zuletzt sogar dämmert, dass die Frau, die er nach Konrads Flucht verließ, an der Enttäuschung nicht über einen Mann, sondern über zwei Männer gestorben ist.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

Von
Michael Cerha

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