Am Anfang war das Bild

7. Mai 2001, 19:57
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Hans Belting im diskursiven Museum im MAK

Wien - Was ist etwas eigentlich, wenn es Kunst ist? Seltsamerweise hat sich die Moderne diese Frage kaum gestellt. Was man mit Elan und Emphase hervorstieß, was man mit Unbedingtheit und Neuartigkeit auflud, kreiste bei aller rauschhaften Verschiedenheit um ein einziges Prädikat, und dies ließ man tunlichst unproblematisiert. Kunst war der unbewegte Beweger dessen, was man ästhetisch wollte.

Es sieht so aus, als würde diese Kunst langsam ein Auslaufmodell. Die Internetdesigner und die Documenta-Diskutanten gehen längst in aller Nonchalance über sie hinweg, und womöglich erschöpft sich ihre Überzeugungskraft darin, die Ewiggestrigen ruhig zu stellen. Kunst, so führen es beispielsweise Wolfgang Zinggl und seine Wochenklausur vor, ist etwas für Ministerialbeamte und andere Zensoren.

Das Museum als Medium

Hans Belting, Jahrgang 1935, ist einer der Seismographen dieser Verwerfung, und er ist es sicher nicht aus jugendlichem Übermut, auch wenn der 1993 vollzogene Wechsel von der akademischen Kunstgeschichte an die Trendfabrik der Karlsruher Hochschule für Gestaltung die Umwertung forciert haben mag. In Karlsruhe sind Medien der Normalfall. Kunst dagegen ist ein Medium der Besonderung. Im Rahmen von das diskursive museum, in dem das MAK in diesem Frühjahr auf das obligatorische Geld- und das gerade skizzierte Rechtfertigungsdefizit reagiert, wird Hans Belting am heutigen Dienstag, 20 Uhr, den Stand dieser Dinge präsentieren. Thema seines Vortrags: das Museum als Medium.

1990, damals noch von der Universität München aus, publizierte Belting eine Art Summe seiner Forschungen vor allem zur Ikone und ihrer Wahrnehmung im westlichen Mittelalter. Bild und Kult hieß das Opus magnum, und es bestach gleich einmal durch den perfekt als Slogan geeigneten Untertitel: Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. Jede Historisierung ist eine Relativierung, und Belting hatte genau dies im Sinn: Kunst und ihre Signaturen von Autonomie und Selbstbezug haben einen geschichtlichen Ort. Also gab es auch etwas, das vorher war: Am Anfang war das Bild.

Bilder sind Nomaden, denen die Medien Körper verleihen

Dass hinter der angenommenen Ursprünglichkeit das Metaphysische lauert und der konstruierte Rahmen sich schnell zur Rahmenkonstruktion verfestigt, ist die Gefahr bei solchen Expeditionen zu den ersten Dingen. Belting bannt das Problem, indem er gleich eine Anthropologie anvisiert: Im Bild, so wird die Zusammenschau gewagt, komme nicht weniger als das allgemeine Menschengültige zur Kenntlichkeit. Bild-Anthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft heißt das vor kurzem im Wilhelm Fink Verlag, München, erschienene Bulletin zum Status quo von Beltings Nachdenken.

Fast 10.000 Jahre alte Tonfiguren werden darin mit Gegenwartsfotografie zusammengedacht, und von Jericho bis Jeff Wall gilt die Komplizenschaft zweier Prinzipien, die so fundamental sind, dass sie Geschichte übergreifen: "Ich verstehe", berichtet Belting darin, "Medien als Trägermedien oder Gastmedien, deren die Bilder bedürfen, um sichtbar zu werden."

Belting setzt auf die generelle Gültigkeit dieser Thesen, wie er zugleich vor der Vorläufigkeit warnt, mit der sie sein neues Buch darbietet. Bilder seien Nomaden, und die Medien verliehen ihnen Körper, formuliert Belting. Hier werden Bedeutungsfelder umrissen, die die Menschheit in ihrer grundsätzlichsten Verfasstheit bestellt. Doch werden auch Begriffsfelder skizziert, und in ihnen kommt das Zeitgeistige nun durchaus zur Geltung. Das Nomadische oder der Körper: Im Betrieb jener Kunst, um die es nicht mehr geht, haben sie die gleiche Konjunktur.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

Von
Rainer Metzger

Hans Belting im MAK
Dienstag, 20 Uhr, Eingang Weiskirchnerstr. 3
1010 Wien
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