Lügen haben falsche Namen

14. Mai 2001, 14:15
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Demnächst wird die Bombe platzen. Dann werden wir ablegen. Müssen. Ich werde an meinem Arbeitsplatz erscheinen. Meinem wirklichen Arbeitsplatz. Da werden die bei der Presse Augen machen. Weil nicht einmal Andreas Unterberger weiß, dass ich dort Ressortleiter der Chronik bin. Von den Kollegen beim großen Bürgerhorizont ganz zu schweigen. Auch hier - beim Standard - weiß aber keiner, dass auf meinem Platz ein über Einsneunzig großer Tiroler mit kernigem Dialekt und schwarzem Haar sitzen sollte.

In Wirklichkeit heiße ich Rief. Norbet Rief. Ich habe mich eingeschlichen. Der bei der Presse als Rief gilt, ist ich. Ein abgekartetes Spiel. Von langer Hand vorbereitet. Jahrelang konnten wir alle täuschen. Erst den Chinesen ist es aufgefallen. Und jetzt fliegt unsere geradezu fabelhafte Verschwörung auf: So sehr wir beide uns im Herbst bemühten , so chancenlos waren wir gegen ein ganze Armee Beamter in Peking.

Hohe Politiker eingeweiht

Nicht einmal Interventionen von höchster stadtpolitischer Seite - vom damaligen Vizebürgermeister Bernhard Görg und dem Chef der internationalen Beziehungen des Rathauses - halfen. Das bewies nur, wie groß das Netz schon war: Unsere Akkreditierungen für eine internationale Konferenz in Peking wurden gnadenlos - und mit Foto - so ausgestellt, wie wir es zu vermeiden versucht hatten. Eine nachträgliche Änderung? Das Eingeständnis eines Behördenirrtums hat schon kleinere Staatsgefüge ins Wanken gebracht - in Peking, war daran nicht zu denken. Nach wenigen Tagen gaben wir deshalb auf: Rief kahlrasiert, Rottenberg Tiroler. Amtlich. Mit Lichtbildausweis. Einem, vor dem über ein Milliarde Menschen in die Knie geht. Bald redeten wir einander auch ohne chinesische Begleiter so an, wie es nun in unseren Ausweisen stand.

Spürhunde

Später, wieder in Europa, haben wir versucht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Es war schwer. Wir beschlossen, einander zu meiden. Ein unbedachtes Wort, ein kleiner Gruß hätte uns auffliegen lassen. Vergangene Woche ist es aber geschehen: Auf einer Pressekonferenz saß mir Rottenberg gegenüber. Wir begrüßten einander. Bumm.

Seither wird es immer enger: Blicke, Andeutungen, Getuschel. Vor ein par Tagen hat mir jemand gesteckt, dass Mitarbeiter des Hauses Fellner die Witterung aufgenommen hätten. Die haben schon vor Monaten unendlich exklusiv von einer Fusion unserer Printtitel gewußt. Und wo die einmal eins und eins zu drei addieren, wächst kein Gras mehr über die Wahrheit.

Deshalb müssen wir uns was einfallen lassen. Rasch. Denn zwischen Fellners und China zermalmt zu werden, ist kein Spaß.

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