Freie Fahrt für überladene Lkw

7. Mai 2001, 18:15
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Weisung verhindert effizientes Vorgehen gegen zu schwere Lastwagen

Innsbruck - "Ein Lkw-Zug mit 40 Tonnen belastet die Straße ebenso wie 165.000 Pkw." Fritz Gurgiser, Obmann des Transitforum Austria-Tirol, zitiert diese Kernaussage einer Studie der Universität Cambridge seit Jahren. Für die Transitroute Inntal-Brenner beziffert Gurgiser den Lkw- Anteil an den Straßenschäden mit 95 Prozent.

Die Nachfrage bei Eckard Schumacher, dem leitenden Straßenerhalter beim Amt der Tiroler Landesregierung, ergibt eine mehr als eindeutige Bestätigung: "Für die Spurrinnen ist der Lkw zu hundert Prozent verantwortlich", der Pkw spiele dabei keine Rolle. Die Relation zwischen Gewicht und Wirkung auf den Fahrbahnbelag steige mit der vierten Potenz, erläutert Schumacher und verdeutlicht mit einem Beispiel: Ein Lkw mit 19 Tonnen verursacht doppelt so viel Abrieb wie einer mit 16.

Zwischen einem zweiachsigen Lkw mit 20 Tonnen und einem Pkw mit 1,2 Tonnen ergebe sich eine Relation von 1:0,000013, untermauert er seine Antwort auf die Eingangsfrage. Schumacher verweist darauf, dass nicht das Gesamtgewicht, sondern die Achslast entscheidend sei. Ein 40-Tonner mit fünf Achsen richtet weniger an als ein 20- Tonner mit zwei Achsen.

"Die Überladungen tun sehr weh", spricht Schumacher ein seit Monaten in Tirol heftig diskutiertes Thema an. Im September 2000 hatte das Transitforum aufgedeckt, dass das Land Tirol per Dienstanweisung an die Gendarmerie das geltende 40-Tonnen-Limit "außer Kraft setze". Lkw, die überladen erwischt würden, müssten zwar mit einer Anzeige rechnen, dürften aber in den meisten Fällen die Fahrt ungehindert fortsetzen.

Ministerin Monika Forstinger und Landeshauptmann Wendelin Weingartner sprechen von einer "unbefriedigenden Gesetzeslage", eine Novelle zum Kraftfahrgesetz soll im Juni in Begutachtung gehen, verlautet dazu aus dem Verkehrsministerium. Derzeit könne ein überladener Laster nur zum Abladen gezwungen werden, wenn er das vom Hersteller festgelegte "technisch zulässige Gesamtgewicht" überschreite.

Verkehrstechnisch, also auch in Bezug auf Bremsen und Manövrierfähigkeit, ist ein um fünf Tonnen überladener 40-Tonner indes kein Problem. Rekordhalter an der Kontrollstelle in Kundl ist ein Lkw-Zug mit gewogenen 53 Tonnen.

Weisung aufheben

Gurgiser verlangt mit Unterstützung des Verfassungsrechtlers Heinz Mayer eine Aufhebung der Weisung. Die bestehende Gesetzeslage reiche durchaus, um überladene Lkw am Ort des Ertapptwerdens zum Abladen zu zwingen. Bisher vergeblich.

Jeder fünfte Transitlaster sei überladen, schätzt Gurgiser. Das wären 300.000 im Jahr. Peter Platzgummer von der Verkehrsgendarmerie, der für die umfangreichen Kontrollen in Kundl verantwortlich ist, bestätigt diese Schätzung nicht, verweist sie aber auch nicht ins Reich der Fantasie. Dass überladene Lkw überproportional an den Straßenschäden, insbesondere den Spurrinnen beteiligt sind, ist auch die Meinung Weingartners, er bestreitet aber einen kausalen Zusammenhang mit dem Vomper Busunglück.

Eine Richtlinie, ab wann Spurrinnen gefährlich sind, gebe es nicht, so Schumacher. Amtsintern habe man sich darauf geeinigt, bei Drainasphalt ab 17 mm Warntafeln aufzustellen. In Vomp wurden 19 mm gemessen, eine Sanierung war seit Wochen für Mitte Mai geplant. Bei Walzasphalt seien bereits zehn mm heikel, beides beziehe sich aber auf die Gefahr von Aquaplaning. Der Unterschied ergibt sich daraus, dass Drain- (Flüster-)Asphalt Wasser wie ein Schwamm aufnimmt.

Briefe an Minister

Das Transitforum hat in Briefen an die Verkehrsminister Johannes Farnleitner (am 12. 7. 1999) und Michael Schmid (am 9. 6. 2000) auf die Gefährdungen durch Fahrbahnschäden auf der A12 hingewiesen und diese Warnungen in der Debatte um überladene Lkw mehrfach wiederholt. Daher, so Gurgiser, werfe der Busunfall auch die Frage politischer Verantwortung auf. (DerStandard,Print-Ausgabe,8.5.2001)

von Standard-Mitarbeiter Hannes Schlosser

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