Großer Brückenbauer auf Reisen

8. Mai 2001, 11:50
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Der Papst und sein Lebenswerk: Die Einheit der Christen

Wien/Athen/Damaskus - Auf seiner 93. Auslandsreise, die ihn "auf den Spuren des heiligen Apostels Paulus" nach Athen, Damaskus und auf die Insel Malta führte, wird Johannes Paul II. der Bezeichnung gerecht, die er als Oberhaupt der katholischen Kirche trägt: "Pontifex maximus", "großer (eigentlich: größter) Brückenbauer".

Dem kranken Mann auf dem Stuhl Petri, der wenige Tage nach seiner für morgen, Mittwoch, geplanten Rückkehr nach Rom 81 Jahre alt wird, ist es wieder einmal gelungen, die Welt und wohl auch einige seiner theologischen Berater zu überraschen. Und er hat - in einer Frage, die ihm besonders am Herzen liegt, der Einheit der Christen - einmal mehr gezeigt, dass sein politischer Instinkt mindestens so stark ausgeprägt ist wie sein theologisches Geschick.

Man hatte damit gerechnet, dass es in Athen, der ersten und aus römischer Sicht entscheidenden Station der Reise, zu Feindseligkeiten kommen würde. Mit seiner Entschuldigung für das Leid, das Katholiken ihren orthodoxen Brüdern etwa bei der Plünderung von Konstantinopel zugefügt hatten, gewann der Papst den Areopag für sich.

Großes Schisma

Ob diese große Geste die ökumenische Situation nachhaltig verändern kann, wird sich freilich erst zeigen. Immerhin gilt es, eine tausendjährige Geschichte der Trennung zwischen Ost- und Westkirche, das "große Schisma", zu beenden. 1054 hatte der päpstliche Gesandte im Namen Papst Leos IX. die Bannbulle gegen den ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, Michael Keroullarios, auf den Altar der Hagia Sophia gelegt. Die Antwort des Patriarchen bestand in der Exkommunikation der Lateiner.

Die Wunden, die damals geschlagen wurden, sind nicht verheilt. Auch wenn es in der Proklamation von 1965, durch die Papst Paul VI. und Patriarch Athenagoras I. das Schisma beendeten, hieß, dass die wechselseitige Exkommunikation von 1054 "aus dem Gedächtnis der Kirche gelöscht ist". Das Vergessen lässt sich, wie man in anderen Zusammenhängen feststellen muss, so wenig verordnen wie das Erinnern.

Die jüngsten Probleme zwischen Rom und der Orthodoxie haben auf zweifache Weise unmittelbar mit dem Wirken Johannes Pauls II. zu tun: Zunächst war er es, der 1979 den Phanar, den Sitz des ökomenischen Patriarchen von Konstantinopel, besucht und für die Aufnahme eines ständigen theologischen Dialogs gesorgt hatte. Er war es auch, der einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Zusammenbruch des Kommunismus geleistet hatte. Das dadurch neu aufgeflammte Problem der mit Rom unierten Kirchen führte zur Aussetzung des Dialogs. Bei der kommenden Reise des Papstes in die Ukraine wird dieses Thema wieder im Mittelpunkt stehen.

Wie sehr dieser Dialog inzwischen von Machtkämpfen innerhalb der Orthodoxie überlagert wird, zeigte der Versuch, 1996 in Wien einen katholisch-orthodoxen Gipfel unter Einbeziehung des Moskauer Patriarchen Alexi II. zustande zu bringen. Er scheiterte daran, dass Bartholomaios, der ökumenische Patriarch von Konstantinopel, formell das Oberhaupt der gesamten Orthodoxie, sich an den Rand gedrängt fühlte. Wohl nicht zu Unrecht: Der polnische Politiker Karol Wojtyla wusste, dass eine Aussöhnung mit Moskau für ihn wichtiger war als die protokollarischen Beziehungen zum Phanar.

Auch die Ereignisse in Athen sind unter dieser Perspektive zu sehen. Erzbischof Christodoulos war die Unterzeichnung des Anti-Proselytismus-Abkommens ("Proselytenmacherei" ist die Abwerbung von Gläubigen) mit dem Papst nicht zuletzt wegen seiner Stellung innerhalb der Orthodoxie wichtig: Er will die Schwäche des unter Gläubigenschwund leidenden Patriarchats von Konstantinopel nutzen, um sein Athener Erzbistum zum Patriarchat zu machen. Dass er sofort nach dem Papstbesuch zum Patriarchen von Moskau reiste, illustriert das Machtgefüge.

Macht der Bilder

Die Geste, die Johannes Paul II. in Damaskus mit dem Besuch der Omayyaden-Moschee setzte, zeigt, dass er sich als "Pontifex" auch in den Beziehungen zu den nicht christlichen Religionen versteht. Und auch hier ist der politische Instinkt des gebrechlichen Charismatikers den theologischen Überlegungen seines Stabes weit voraus: Wo ein Joseph Ratzinger in dem Schreiben "Dominus Iesus" mit nachgerade inquisitorisch-intellektueller Finesse die Unterschiede zwischen den Religionen und die Vormachtstellung des Christentums herausarbeitet, setzt der Papst, inzwischen zum Popstar geworden, auf die Macht der Bilder.

Dass der vatikanische Apparat mit dem Pontifex nicht mithalten kann, scheint jenen kaum zu berühren: Schließlich hat er, das weiß er, nicht mehr viel Zeit. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2001)

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