Maritime Offenheit gegen alpine Logik

7. Mai 2001, 19:37
1 Posting

Ganz Norditalien zählt zur Wahldomäne von Silvio Berlusconi - Ganz Norditalien?

Triest/Mailand - Eigentlich zählt der Norden Italiens, insbesondere der Nordosten, zur Wahldomäne von Silvio Berlusconi. Aber auch in Norditalien gibt es Ausnahmen, dazu zählt die Hafenstadt Triest. Bürgermeister Riccardo Illy kandidiert hier für "Mitte-Mitte-links", wie die Triestiner ihre Koalition bezeichnen. Hier zweifelt eigentlich niemand daran, dass der staatlich geprüfte Skilehrer und Kosmopolit Illy das Rennen um einen Sitz im Parlament gewinnen wird. Obwohl der Bürgermeister - anders als sein Gegner, der ehemalige Berlusconi-Kulturminister Vittorio Sgarbi - auf Werbung verzichtet. "Die Fakten sprechen für mich", meint Illy, Spross der renommierten Kaffeehändlerfamilie.

Leicht progressives Klima

Im Gegensatz zur äußerst konservativen Grundhaltung in der Region Friaul Julisch-Venetien, herrscht in Triest ein leicht progressives Klima. Und während Friaul weitgehend in den Bann der ehemals separatistischen und inzwischen föderalistischen Lega Nord geriet, zeigt man sich in der einstigen Hafenstadt der Donaumonarchie kosmopolitisch. Paolo Rumiz von La Repubblica erklärt den Mentalitätsunterschied zwischen Triest und seiner Region mit der Landschaft: "Das Meer in Triest symbolisiert die Offenheit, der Philosophie der Lega Nord wohnt eine gewisse alpine Logik inne."

Natürlich kann man die Tatsache, dass sich die Triestiner Wähler in der Regel anders verhalten als ihre "autonome" Region nicht nur mit dem Meer zu erklären. Mit den massiven Investitionen von umgerechnet rund zehn Mrd. Schilling (727 Mio. Euro), die Bürgermeister Illy während seiner achtjährigen Amtszeit umsetzte, hat er Triest aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Von der neuen Kanalisation bis zur Restaurierung historischer Bauten und Plätze - die Stadt hat sich gewandelt.

Öffnung gegenüber Slowenien und Ungarn

Auch der einstmals wichtigste, heute abgewirtschaftete Hafen der Donaumonarchie soll modernisiert werden. Wichtig ist, dass Illy den 220.000 Triestinern wieder das Gefühl ihrer einstigen Größe gab. Denn er öffnete die jahrzehntelang abgeschottete Stadt gegenüber Slowenien und Ungarn. Durch die Verbesserung der Verkehrsverbindung wurde die Basis für einen regeren Handelsaustausch gelegt. Zum Ärger der postfaschistischen Alleanza Nazionale, die - zumindest in der Wahlkampagne - neue Grenzen fordert, plädiert Illy auch für die Aufnahme Sloweniens in die EU.

Bürgermeisterwahllen offen

Während der Ausgang der politischen Wahlen in Triest im Schatten der Persönlichkeit Illys steht, ist der Ausgang der für 10. Juni anberaumten Bürgermeisterwahlen offen. Zurzeit liegt der Mitte-links-Kandidat Federico Pacorini nach den Meinungsumfragen vorne. Er wird nicht nur von Bürgermeister Illy unterstützt, ihm kommt auch seine jahrzehntelange Erfahrung als Präsident des Industriellenverbandes zugute. Sein Gegner Roberto Dipiazza hat zwar weniger Charisma; er könnte jedoch von dem voraus gesagten Wahlerfolg der Mitte-rechts Opposition profitieren. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 8. 5. 2001)

Von STANDARD- Korrespondentin Thesy Kness-Bastaroli
Share if you care.