Scharfe Kritik an bosnisch-serbischer Regierung

8. Mai 2001, 18:07
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EU droht nach Unruhen in Banja Luka indirekt mit Entzug der Finanzhilfen

Banja Luka - Nach Ausschreitungen serbischer Nationalisten bei der Grundsteinlegung einer Moschee in Banja Luka hat die internationale Gemeinschaft die bosnisch-serbische Regierung scharf kritisiert. Ein Sprecher des internationalen Bosnien-Verwalters Wolfgang Petritsch erklärte am Dienstag, die Behörden seien nicht entschlossen genug vorgegangen. EU-Außenkommissar Chris Patten sprach von mittelalterlichen Zuständen, für die in Europa kein Platz sei, und drohte indirekt mit einem Entzug der Finanzhilfen.

"Die EU-Steuerzahler geben große Summen aus, um Bosnien und Herzegowina zu helfen. Das mittelalterliche Verhalten, das wir gestern gesehen haben, hat keinen Platz im modernen Europa", sagte Patten. Der EU-Kommissar verurteilte die Ausschreitungen und erklärte, es sei krankhaft, alte Frauen während einer Zeremonie anzugreifen, die Frieden und Versöhnung symbolisieren solle. Petritschs Sprecher Oleg Milisic sagte, die mangelnde Einsatzbereitschaft der Behörden habe den Eindruck entstehen lassen, die gewaltsamen Proteste der Nationalisten seien akzeptabel.

Zwei Verdächtige festgenommen

Führende Vertreter der bosnischen Moslems mahnten zur Ruhe und erklärten, es dürfe keine Racheakte geben. Dennoch explodierte am Dienstag vor einer serbisch-orthodoxen Kirche in Sanski Most in der Nähe von Banja Luka eine Granate. Zwei Verdächtige wurden festgenommen; einer von ihnen gestand den Anschlag, bei dem das Gotteshaus leicht beschädigt wurde. Beide sollten noch am Dienstag vor Gericht erscheinen.

Etwa 2.000 Serben hatten mit ihren Protesten am Montag die Grundsteinlegung für den Wiederaufbau der Moschee verhindert. Rund 250 Moslems sowie UNO-Vertreter suchten zeitweise in dem Gebäude der islamischen Gemeinde Zuflucht vor der aufgebrachten Menge, die einen Polizeiring durchbrach. Die Eingeschlossenen konnten erst nach sechs Stunden befreit werden. Unter den Gefangenen befanden sich der UNO-Beauftragte für Bosnien-Herzegowina, Jacques Klein, und die Botschafter aus Großbritannien, Schweden und Pakistan. Mehr als 30 Menschen wurden verletzt. Nach Krankenhausangaben lag am Dienstag ein Moslem noch im Koma.

"Ernsthafte Reaktionen"

Auch serbische Politiker verurteilten die Ausschreitungen. Der serbische Präsident Zivko Radisic sprach von einem Angriff gegen nationale und religiöse Toleranz. Der Präsident des serbischen Landesteils, Mirko Sarovic, erklärte, eine "mehr als ernsthafte" Reaktion der internationalen Gemeinschaft sei zu erwarten. Der serbische Polizeiminister Perica Bundalo und der Polizeichef von Banja Luka, Valdimir Tutus, boten ihren Rücktritt an.

Die Zeremonie sollte am achten Jahrestag der Zerstörung der Moschee Ferhadija stattfinden. Das Gotteshaus aus dem Jahr 1579 war 1993 zerstört worden. Nachdem die Serben zu Beginn des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 alle Moslems aus Banja Luka vertrieben hatten, machten sie alle Moscheen dem Erdboden gleich. Die Vereinten Nationen hatten den Wiederaufbau der Moschee als Teil des Versöhnungsprozesses angeordnet. Bei einer ähnlichen Zeremonie war es am Samstag in der Stadt südbosnischen Trebinje zu Demonstrationen gekommen. (APA/AP)

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