Wie hat sie das gemacht?

11. Mai 2001, 00:47
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Elisabeth Horvath über Andrea Jonasson - die heuer bei der "Academy of Life" zu Gast ist

„Ich bin wie Sie mich sehen“, „Ich liebe Euch“, sagt sie mit ihrer rauchigen, kehligen Stimme und streicht sich die rote Mähne aus dem schönen, sprechenden Gesicht. Ihr Blick, ihre Gesten, ihr Timbre, das sind ihre Elemente, mit denen sie das Publikum in Bann zieht. Ihre hohe, schlanke Gestalt wirkt zerbrechlich. Ihrer Anziehungskraft, ihrer Strahlkraft kann sich niemand im Saal entziehen. Sie berührt die Menschen, mit denen sie redet, macht ihnen Komplimente. Sie kommuniziert über das Gefühl. Am liebsten würde sie alle umarmen. Diesen Eindruck vermittelt sie jedenfalls. Das ist Präsenz, das ist emotionale Kompetenz.

Andrea Jonasson, 58, die Schauspielerin, die langjährige Gefährtin und nun Witwe des verstorbenen Mailänder Star-Regisseurs Georgio Strehler, ist es diesmal, die sich im Rahmen der „Academy of Life“ den rund 170 JungunternehmerInnen stellt. Einen Abend und den Tag danach lang sollen Karriere-Bewusste herausfinden, welche Lebensfaktoren und Lebenseinstellungen, welche Verhaltensweisen und Entscheidungen, welche Lebensweichen und Lebensmenschen sie zu dem gemacht haben, was sie ist. Sie in die Höhen des Ruhms katapultiert, sie zu künstlerischen Höchstleistungen getrieben haben. Was sind die persönlichen Erfolgsstrategien, was die entscheidenden Prägungen, wie ist sie mit Krisen, Enttäuschungen umgegangen? Erfolg hat viele Gesichter. Nichts ist monokausal. Stets ist es ein Kaleidoskop von Elementen, das erst im richtigen Zusammenspiel zum Erfolg führt.

„Von den Besten lernen“, so das Motto, unter dem die Siemens AG Österreich 1999 die Academy of Life ins Leben gerufen hat. Pro Jahr lädt die Akademie unter der Leitung von Karl Wessely sechs erfolgreiche Persönlichkeiten (drei pro Semester), aus Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft und Politik zu einem Informationstransfer an JungunternehmerInnen und –managerInnen Österreichs. Diese Persönlichkeiten sollen – unabhängig von einer akademischen Ausbildung – in ihrem Leben Besonderes geleistet und somit auch intensiv an der Universität des Lebens studiert haben. Ihre Biographien sollen auch ungewöhnliche Züge aufweisen. Den Anfang machten US-Trendforscher John Naisbitt und der frühere polnische Staatspräsident Lech Walesa, in jungen Jahren ein einfacher Werftarbeiter. Später folgten Deutschlands Ex-Kanzler Helmut Schmidt, Karlheinz Böhm, Gründer von „Menschen für Menschen“ oder der Generaldirektor von McDonalds - Europa, Andreas Hacker. Nach Andrea Jonasson wird der Erfinder der Baby-Pille, Carl Djerassi, Star-Gast der Akademie sein.

Die Gebühr beträgt 9.900 Schilling, die Siemens wohltätigen Zwecken widmet. Siemens, „Der Standard“ und „New Business“ vergeben Stipendien, viele Unternehmen entsenden begabte Nachwuchskräfte und sponsern diese.

Ziel dieser Einrichtung ist es, den Teilnehmern Gelegenheit zu geben, durch den Erfahrungsaustausch Nutzen für den eigenen Lebens- und Berufsweg zu generieren. Nach dem Start-Interview mit dem Stargast vor breitem Publikum, geführt am Vorabend vom Chairman der Akademie, Peter Dusek, haben die TeilnehmerInnen tags darauf in workshops Gelegenheit, das Gehörte und Erlebte an ihrem eigenen Lebenskontext zu messen und Karrierekriterien zu lukrieren. In verschiedenen Fokusgruppen (Philosopie, Psychologie, Wirtschaft, Bühne des Lebens, Recht und Ethik, Weltbild, Kommunikation, Naturwissenschaft, Beziehung und System), geleitet von „Heads“ aus den entsprechenden Disziplinen, wird vormittags die Persönlichkeit analysiert, danach werden Fragen formuliert, denen sich der Gast nochmals für zwei Stunden stellt. Danach wird neuerlich reflektiert und in Beziehung zum eigenen Lebenskontext gestellt.

Im Unterschied zum kritischen Journalismus geht es hier um das Herausfiltern des Positiven an einer Person. Was sind die persönlichen Verkaufs- und Wertekomponenten, was die Kommunikationselemente? Womit und wodurch erzielt Andrea Jonasson Anerkennung und lockt damit das Publikum ins Wirtschaftsunternehmen Theater? Kein Wunder also, dass die Heads darauf achten, dass nicht allzu kritische Fragen gestellt werden. Was bei Jonasson sowieso nicht der Fall war. Durch ihre Schilderung, wie sie den autoritären Vater erlebte, später das Zusammensein mit ihrem Lebensmenschen, dem zwar genialen, zugleich aber auch schwer depressiven und fordernden Georgio Strehler meisterte, wie sie ihre Dauerbegleiter Angst und Selbstzweifel im Leben und auf der Bühne stets aufs Neue überwunden hat („Du musst in die Manege, Du musst vor den Löwen“) wirkte sie „so verletzbar“ (ein Teilnehmer), dass sie Beisshemmung erzeugte – auch ein Erfolgskriterium.

Ihr Markenzeichen ist die Stimme (durch Überdehnung der Stimmbänder), ihr Krisenmanagement Hingabe, Opferrolle und Selbstüberwindung. Den Druck aushalten, „einfach nicht aufgeben“, sagt sie. Strehler lebte in den letzten Lebensjahren mit einer Jüngeren zusammen, ohne dass sich die Ehefrau trennte. Um das Erbe stritten sich die beiden öffentlich. Strehler’s Demütigungen und Quälereien ertrug Andrea Jonasson. Was bekam sie zurück? „Er holte aus mir so viel an Phantasie, an Magie heraus. Er war die Liebe meines Lebens“. Vielleicht Vergangenheitsbewältigung, wahrscheinlich die Wahrheit. Der Motor sei die Liebe zur Berufung als Schauspielerin gewesen.

Wollte die Strehler-Witwe in ihrer Jugend Missionarin werden, engagiert sie sich seit 1997 für Böhm’s „Menschen für Menschen“. Wohl auch, bekennt sie ein, „als Protestreaktion auf meine Situation“.

Mitgenommen für die eigene Karriere haben die StudentInnen nicht Jonasson’s Erdulden, wohl aber ihr Durchhaltevermögen, ihre Selbstdiszipin, ihre Selbstschutzmechanismen. „Sie weiss sich, durch Understatement und ihren Hang zum Geben zu vermarkten“, analysiert eine Jungmanagerin. „Daraus erzielt sie Sympathiewerte.“ Und einer aus der Gruppe Weltbild: „Sie hat die Bedürfnisse anderer erfüllt, sie weiss aber auch, was sie auslöst.“

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