"Kale borroka": Alltagsterror soll Basken mürbe machen

7. Mai 2001, 10:38
posten

Verwüstungen durch ETA-nahe Jugendliche gehören zum Alltag - Separatisten setzen auf gezielte "Nachwuchsarbeit"

Bilbao/Wien - Ausgebrannte Linienbusse, zerstörte Pkws, demolierte Geldautomaten, verwüstete Parteibüros, abgefackelte Abfallcontainer... - Fast täglich, vor allem aber am Wochenende, ziehen jugendliche Randalierer eine Spur der Gewalt durch Städte und Dörfer des spanischen Baskenlands. Vor den Regionalwahlen am 13. Mai hat "kale borroka", der organisierte Straßenkampf, wieder Hochsaison. Er wird von den Jugendorganisationen der ETA straff koordiniert. Der alltäglichen Kleinterrorismus soll die Bevölkerung mürbe machen.

Hinter den gewaltsamen Übergriffen steckt laut Ermittlungen der baskischen Polizei "Ertzainza" vor allem die ETA-Jugendgruppen "Jarrai" und "Haika". Der Nachwuchs wird ziemlich ungeniert angeworben. Fast jeder Halbwüchsige im Baskenland hat schon Post von "Jarrai" bekommen, mit dem verhängnisvollen Angebot, sich doch einmal vorzustellen. Besonders in kleineren Ortschaften, wo jeder jeden kennt, ist der Druck auf die Burschen und Mädchen sehr groß. Wer der "Einladung" nicht Folge leistet, läuft Gefahr, selbst unliebsame Bekanntschaft mit einem vazierenden Schlägertrupp zu machen.

Neue Mitglieder werden auch über das Internet, namentlich über die Homepages der radikalen Jugendorganisationen "Jarrai" (www.jarrai.org) und "Haika" (www.haika-gazte.org) gesucht. Auf der Haika-Homepage wird betont, man suche für den Kampf um ein freies Baskenland "ernsthafte junge Menschen". Wörtlich heißt es dann: "Wohlgemerkt. Wir suchen keine Leute, die denken. Wir suchen Kämpfer, die auch zum Töten bereit sind." Der Aufruf hat offenbar bei radikalen jungen Basken ein begeistertes Echo gefunden. Zumindest lässt sich das den e-mail-Antworten entnehmen. "Wenn ihr jemand für eine harte Aktion sucht, könnt ihr auf mich zählen", ist da beispielsweise zu lesen.

"Töten ist hundert Prozent legitim, Gewalt ist häufig das einzige Mittel, politische Fortschritte zu erzielen", sagte ein inzwischen verhafteten Sprecher von "Haika" unlängst der italienischen Zeitung "La Repubblica". Er verkündete auch, wer alles als ETA-Opfer in Frage komme: "Das sind zunächst einmal die Gemeinderäte der Volkspartei und der Sozialisten. Da gibt es nun überhaupt keinen Zweifel, dass es legitim ist, sie zu eliminieren. Dann auch die Vorsitzenden der Arbeitgeberverbände, die Militärs auf und die Beamten der Guardia Civil. Dabei wird es immer auch unschuldige Opfer geben, das ist unvermeidlich."

Den ETA-Eleven wird eingeschärft, dass sie sich abgewöhnen sollten, im Alltag Spanisch zu sprechen. Ihre Sprache müsse allein das Baskische sein, "Castellano" (Kastilisch-Spanisch) sei ein "Zwangsidiom", das den Basken von der Franco-Diktatur verordnet worden sei. Auch sollte ein Baske nie "Spanien" sagen, sondern "spanischer Staat". Anstelle von "Baskenland" oder gar "Basken-Provinzen" habe ein aufrechter Baske den heimischen Ausdruck "Euskadi" oder noch besser "Euskal Herria" (Freies Baskenland) zu verwenden.

Den Zorn eines kämpferischen Basken müsse ein Spanier schon bei einer Begegnung auf der Straße spüren. Ein ETA-Mann habe mit einem ernsten, "übellaunigen" Blick einherzuschreiten und passend gekleidet zu sein. Empfohlen werden weite Hosen, ein Palästinensertuch und eine Jacke mit Kapuze. Lange Haare seien zulässig, sofern sie alle zwei Wochen gewaschen würden. Auch ETA-Frauen hätten sich eines schlichten Äußeren zu befleißigen, lange Haare dürften nicht ungebunden zu Schau getragen werden, so die "Anweisungen". Die ETA-nahen Jugendgruppen sind ein soziales Phänomen. Im Baskenland übernehmen sie jene Rolle, die andernorts Punks oder Skinheads spielen. Die "Nachwuchsarbeit" ist jedenfalls professionell. Allein im vergangenen Jahr sollen rund 40 "Jarrai"-Mitglieder zu potenziellen ETA-Terroristen ausgebildet worden sein... (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.