Der Druck der ETA auf die Medien ist enorm

7. Mai 2001, 10:58
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"Die meisten Journalisten trauen sich nicht, ihre Meinung zu sagen"

Wien - Die Ermordung von Jose Luis Lopez de Lacalle, Kolumnist der Madrider Tageszeitung "El Mundo", im Mai 2000 war symptomatischer Höhepunkt einer beängstigenden Entwicklung. Der von der baskischen Separatistenorganisation ETA ausgeübte Druck auf die Medien ist enorm. Auch Juan Carlos Barrena, aus dem Baskenland stammender Leiter des Wiener Büros der spanischen Presseagentur EFE, beurteilt die Lage anhand eigener Erfahrungen äußerst kritisch.

"Die meisten Journalisten trauen sich nicht offen zu sagen, was sie meinen", sagte Barrena im Vorfeld der Regionalwahlen im spanischen Baskenland in einem Interview mit der APA, "und die Schwelle ist zuletzt deutlich niedriger geworden. Früher mussten nur jene Angst haben, die Meinung machen."

Seit aber im November des Vorjahres die "El Pais"-Journalistin Aurora Intxausti nur durch Zufall einem Sprengstoffattentat entging, hat sich die "Angst generalisiert", meint Barrena. "Dabei hat Intxausti keine Kolumnen geschrieben, sie hat bloß Nachrichten gemacht." Die Lage ist zweifelsohne prekär. Derzeit gibt es im Baskenland rund 100 Journalisten, die nur mit Polizeischutz auf die Straße gehen können. Im Grunde sind aber fast alle betroffen, die nicht für nationalistische Medien wie die ETA-nahe Zeitung "Gara" oder das von der bisherigen Regierungspartei PNV (Baskische Nationalistenpartei) beeinflusste Regionalfernsehen arbeiten, meint Barrena.

Als Berrena noch im EFE-Büro der baskischen Hauptstadt Vitoria arbeitete, bekam er die Macht der ETA im eigenen Umfeld zu spüren. "Damals wurde ein Kommando in Alava geschnappt. Die Polizei hat dann Unterlagen erhalten, von Leuten, die ermordet werden sollten. Darunter war einer von uns." Die "schwarzen Schafe", wie es Barrena ausdrückt, sitzen überall. "Das sind deine Nachbarn, die die ETA informieren." In seinem konkreten Fall kam die Warnung aber aus dem engsten Familienkreis. "Der Bruder meiner Frau ist ein offener Sympathisant dieser Leute. Er hat gesagt, pass auf, was du machst und wohin dich deine Füße tragen. Das kann ziemlich gefährlich für dich werden. Wenn dir das dein eigener Schwager sagt, dann ist die Sache relativ schlimm."

Daher ist es auch die räumliche Distanz, die dem nunmehr in Wien ansässigen Journalisten den Mut gibt, über diese Belastung offen zu reden. "Würde ich noch im Baskenland leben, würde ich es vielleicht nicht machen. Obwohl ETA auch Leute ermordet hat, die nur zu Besuch waren." Die angespannte Situation im Baskenland bringt mitunter aber auch groteske Komponenten mit sich, weiß Barrena. "Da gibt es bei der Partido Popular eine Putzfrau. Die ist Gemeinderätin in ihrem Dorf. Wenn die dann in irgendein Büro zur Arbeit geht, hat sie immer zwei Polizisten als Leibwächter dabei." (APA)

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