Machtspiele als Politikersatz?

18. Mai 2001, 10:56
1 Posting

Von Eva Rossmann

Warum die Regierung den Hauptverband der Sozialversicherungsträger nicht abschaffen, sondern nachhaltig reformieren sollte, weiß Eva Rossmann.

Von einer Reform des Gesundheitssystems ist die blau-schwarze Regierung Lichtjahre entfernt. Wieder einmal/immer noch reduziert sie Politik auf Machtspielchen und ein Sozialsparprogramm. Weder die Auseinandersetzungen um den Präsidenten des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger noch die Ambulanzgebühren werden mittel- und langfristig dafür sorgen, dass jeder Mensch in Österreich - ohne erschwerten Zugang durch Wohnort, Geschlecht, finanzielle Leistungsfähigkeit oder Herkunft - die bestmögliche medizinische Betreuung bekommt.

Derartige politische Ersatzhandlungen führen aber auch bestimmt nicht dazu, dass unser Gesundheitssystem möglichst effizient funktioniert. Um beides - also die optimale medizinische Betreuung für alle bei gleichzeitiger Kosteneffizienz - zu erreichen, bräuchte es grundlegende Veränderungen.

Zurzeit existieren zwei Kostenträger nebeneinander, die - nach Art von Unternehmern - ihr Möglichstes tun, um eigene Aufwendungen möglichst gering zu halten. Da sind auf der einen Seite die Krankenkassen, die für die niedergelassenen Ärzte zuständig sind und auf der anderen Seite Bund, Länder und Gemeinden, die für die Krankenhäuser zuständig sind. Zwar finanzieren die Sozialversicherungsanstalten die Spitäler mit, aber das geschieht durch einen jährlich fixierten Beitrag.

Einheitliche Kostenrechnung . . .

Ein anschauliches Beispiel, das mir ein engagierter niedergelassener Arzt aus dem Wiener Umland erzählt hat: Myocardszintigraphie ist eine wichtige Methode, um bei Herzschmerzen festzustellen, ob sich ein Infarkt ankündigt. Die Wiener Gebietskrankenkasse genehmigt die Untersuchung zwar, verfügt allerdings, dass sie in einem Gemeindespital durchgeführt werden muss. In einem ärztlichen Labor würde sie die Untersuchung rund 5000 Schilling kosten, werden Patient/ innen ins Spital geschickt, zahlt die Krankenkasse keinen Groschen extra.

Allerdings: Experten bestätigen, dass die Untersuchung im Spital deutlich mehr als 5000 Schilling kostet. Doch die Gemeindespitäler wehren häufig ohnehin ab - Termine gibt es erst in einigen Wochen oder gar nicht.

Fazit: Wer es sich leisten kann, zahlt die Laborkosten selbst und weiß in zwei, drei Tagen, ob ein Herzinfarkt droht. Wer sich das nicht leisten kann, bekommt unter Umständen schneller einen Infarkt als den Früherkennungsbefund.

Auf der anderen Seite haben wir die hinreichend bekannte Situation, dass Patienten und Patientinnen durch die neue Ambulanzgebühr zu den niedergelassenen Ärzten umgelenkt werden sollen. Bund, Länder und Gemeinden sparen so Geld, die Krankenversicherungsanstalten sollen für die Behandlungskosten aufkommen.

Auf der Strecke bleiben wieder die Hilfesuchenden. Denn das Netz an niedergelassenen Ärzten ist nicht dicht genug, die Ordinationszeiten sind dementsprechend unzureichend. Um optimale Betreuung zu optimalen Kosten zu ermöglichen, bräuchte es eine einheitliche Kostenrechnung im gesamten Gesundheitssystem. Nur so würde die Leistung auch dort angeboten, wo sie effizienter erbracht werden kann.

Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger gehört daher keinesfalls - wie hie und da verlautet - abgeschafft, sondern mit neuen Aufgaben versehen: Nicht nur die niedergelassenen Ärzte, sondern auch die Spitäler sollten endlich unter seinem Dach verwaltet werden.

Das Modell der Selbstverwaltung hat überdies den Vorteil, dass es nicht in dem Maß tagespolitischen Einflüssen unterliegt, wie das im unmittelbaren staatlichen Bereich der Fall ist.

Das Ergebnis wäre ein mittelfristiger Umbau unseres Gesundheitssystems. Es würde nicht nur effizienter arbeiten, sondern könnte durchaus auch besseres Service bieten. Viele Behandlungen kosten im Krankenhaus mehr, obwohl eine stationäre Betreuung gar nicht notwendig ist. Also würden Ambulanzen, Gruppenpraxen, Tageskliniken und vor allem auch ein dichteres Netz an niedergelassenen Ärzten forciert, während Spitäler für ihre eigentlichen Kernaufgaben ausgerüstet werden könnten.

Ein gemeinsames Verwaltungsdach - mit einem entsprechend strikten Datenschutz nach außen - würde wohl auch dazu führen, dass die berühmten "Mehrfachbefundungen", bei denen kranke Menschen dieselben Untersuchungen einmal beim niedergelassenen Arzt und dann noch einmal im Spital über sich ergehen lassen müssen, schnell der Vergangenheit angehörten.

. . . wäre die beste Medizin

Außerdem besteht die Hoffnung, dass dann endlich die Chancen echter "Gesundheits"-Politik erkannt würden: Die Verstärkung von Vorsorge - Gesundenuntersuchungen, Aufklärung und gezielte Arbeit gegen auch psychisch krankmachende Faktoren - kommt billig, denn sie verhindert nicht nur Leid, sondern auch Kosten in Milliardenhöhe.

Wohin aber mit all dem Geld, das so gespart werden könnte? Statt es in die unergründlichen Taschen des Finanzministers fließen zu lassen, sollte es eingesetzt werden, um die Qualität des öffentlichen Gesundheitswesens auf Dauer und für alle zu sichern. Denn daran gilt es - auch bei effizienter Verwaltung - immer aufs Neue zu arbeiten.

Eva Rossmann ist Autorin und Publizistin in Wien.

7. Mai 2001
Share if you care.