Experten fürs große Ganze

7. Mai 2001, 09:20
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Im Consulting punkten Quereinsteiger durch interdisziplinäre Denkansätze und soziale Intelligenz

Sozialwissenschafter fassen zunehmend Fuß in der Beratungsbranche, ihre methodischen Ansätze sind mitunter recht originell. Markus P. war schon an der Universität bekannt als einer, der gern mal am Ende des Tages zusammenfasste.

Da hatten die Studiosi die halbe Nacht zusammengehockt, Flasche um Flasche geleert, diskutiert, gelacht, gebrüllt, gegeifert, bis sie erschöpft waren. Und mancher fragte sich: Was ist nun eigentlich? Warum haben wir uns alle so aufgeregt? Das war die Stunde des Markus P.

Sozialwissenschafter mit Mission

Er studierte Sozialwissenschaften ohne konkretes Berufsziel, aber erfüllt von der Mission, Menschen zusammenzubringen. Seine Kommunikationsfähigkeit erschien denen, die ihn kannten, grenzenlos. Wenn alles gesagt war, konnte Markus P. immer noch etwas beisteuern.

Vor allem beim Resümieren war er genial. Da fasste er noch mal in wenigen, fast formelhaften Sätzen zusammen, was alles an Positionen im Gespräch deutlich geworden war, stellte sie gegeneinander oder kombinierte sie. Dann versuchte er sich an einer Synthese, es ging ihm stets um das große Ganze. Am Ende waren die meisten zufrieden mit dem, was er subsumiert hatte.

Unternehmensberater

Heute ist der Sozialwirt Chef einer Unternehmensberatung. Seine Stärke ist immer noch der Überblick, nicht die Fachblindheit. Er hört sich alles an, resümiert, überlegt, wägt ab und urteilt dann ohne Ansehen der Person.

Er bietet Einzel- und Gruppengespräche, Bewerbungsseminare, Planspiele für Mitarbeiter an, arbeitet an Lösungsversuchen mit. Ihm wird menschliche Größe attestiert, weil er niemandem zum Munde redet, sondern objektiv abcheckt und dann seine Meinung äußert.

Markus P. hat als Sozialwissenschafter in der Beratungsbranche Fuß gefasst. Seine Klienten sagen unisono: Etwas Besseres als dieser Mann konnte uns nicht widerfahren.

Human-Potenzial

Der beurteilt nicht ausschließlich nach fachlichen Maßstäben, sondern urteilt als Mensch, als Beteiligter und Betroffener, denn er hat sich mit Schicksalen auseinander gesetzt, bevor er sich zu ihnen äußert. Er kann zuhören, dieser Markus P., er denkt fachübergreifend, er denkt an die Menschen. Wo es ihm im konkreten Fall an Wirtschaftskenntnissen fehlt, holt er sich Rat von Experten.

Sozialwissenschafter sind mehr denn je zuständig für das Human-Potenzial in der Wirtschaft. Denken und Reden, und zwar in dieser Reihenfolge, sind ihre herausragenden Eigenschaften. Als Berater werden sie vor allem wegen ihrer Kommunikationsfähigkeiten geschätzt. Sie beraten Unternehmen, Interessenvertretungen von Branchen und Einrichtungen der öffentlichen Hand, gelegentlich auch Politiker.

Mediator

Manche Sozialwissenschafter werden wegen ihrer vermittelnden Mediatorenfähigkeit sogar von Unternehmen eingestellt, sie dienen als eine Art Visitenkarte des Hauses. Sie erstellen Pressetexte, evaluieren Förderprogramme, regen Studien an, arbeiten mit Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen zusammen oder befassen sich mit projektgebundenen Aufgaben - und das alles dient dem großen Ganzen.

Einer der wichtigsten Bereiche ist die Personalentwicklung. Unternehmen bedienen sich zunehmend externer Spezialisten, um ihre Personalpolitik effizienter zu gestalten. Um Menschen beurteilen und motivieren zu können, bedarf es psychologischen Talents. Generalisten sind da oft sehr viel geeigneter als Spezialisten aus dem eigenen Haus. Große Unternehmensberater wie etwa Kienbaum testen das Potenzial von Mitarbeitern einer Firma in Serie und setzen dabei ausschließlich Sozial- und Geisteswissenschafter ein.

Wer nicht vom Fach ist, aber befremden kann durch Fragen, erreicht oft mehr an Klarheit. Schulungsseminare werden dann gemeinsam mit Wirtschaftswissenschaftern konzipiert. Es ist der andere Blick auf die Dinge, der oft entscheidend ist.

Wie bei Markus P., der, als alle erschöpft vom vielen Diskutieren sprachlos da saßen, immer noch seine Sprache besaß, weil er zugehört, überlegt, abgewogen und sich allmählich sein Urteil gebildet hatte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe)

Ihre Stärke liegt darin, dass sie nicht vom Fach sind, berichtet Roland Mischke
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