Erste österreichische Rabbinerin nimmt Amt auf

7. Mai 2001, 10:07
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Für eine "Begegnung mit dem jüdischen Europa jenseits der Schuldfrage"

Wien - In Wien ist am Sonntagabend mit Eveline Goodman-Thau die erste Rabbinerin Österreichs offiziell in ihr Amt eingeführt worden. Sie übernimmt vorerst für ein Jahr die Leitung der "Or Chadasch"-Gemeinde liberaler Juden in der Bundeshauptstadt. In ihrer Antrittsrede erinnerte Goodman-Thau an das jüdische Erbe Europas. Aus dem Wissen darüber sollte eine "sinnvolle Tradition" geschaffen werden, wofür sie der nächsten Generation ein Werkzeug in die Hand geben wolle.

Goodman-Thau ist gebürtige Wienerin und musste 1938 mit ihren Eltern vor den Nazis flüchten. Seit 1956 lebt sie in Jerusalem, pendelt aber schon seit Jahren auf Grund ihrer Lehrtätigkeit zwischen Israel und Deutschland hin und her. Nun kommt Wien als dritte Station hinzu.

Für eine "Begegnung mit dem jüdischen Europa jenseits der Schuldfrage"

Sie strebe eine "Begegnung mit dem jüdischen Europa jenseits der Schuldfrage" an, sagte Goodman-Thau am Sonntag. Sie sehe darin auch eine "Möglichkeit, neue Lebensformen zu gestalten". Keinesfalls dürfe dies aber eine Relativierung der Verbrechen der Vergangenheit bedeuten. Sie als gebürtige Wienerin schmerze besonders, was verloren gegangen sei: "Die Ausgrenzung der Verbrechen an den Juden wäre ein Verbrechen an der Tradition selbst." Aus dem Wissen um die "herausragende Rolle", die Juden in Europa gespielt hätten, könnte die "Schandtat von 1938" aber "Licht und Zeichen für die Zukunft" verwandelt werden.

"Or Chadasch" - zu deutsch "Neues Licht" - versteht sich als liberale jüdische Gruppe. An liberalen Gottesdiensten können Frauen gleichberechtigt teilnehmen, erläuterte Theodor Much, Präsident von "Or Chadasch", einen wesentlichen Unterschied zum traditionellen jüdischen Gottesdienst. Außerdem werde auch die Landessprache verwendet. Much erwartet sich mit der Rabbinerin ein Wachsen seiner Gemeinde. (APA)

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