Prüller: "Ich habe offenbar Dateien im Kopf"

7. Mai 2001, 18:20
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Heinz Prüller im STANDARD-Interview über nutzloses Wissen und japanische Fußballkommentatoren

STANDARD: Wie sind Sie eigentlich als Journalist zur Formel 1 gekommen?

Heinz Prüller: Mit 15 bin ich per Autostopp nach Italien gefahren und habe als erster Österreicher Enzo Ferrari interviewt. Da war niemand, ich bin einfach in Maranello ins Werk marschiert, ungehindert. Lorbeerkränze, Poster, zerbeulte Autos. Plötzlich steht er vor mir und schreit mich an. Dann hat er mir doch zehn Minuten gewährt und zum Abschied gesagt: "In deinem Alter war ich auch so. Ich wollte entweder Rennfahrer, Sportjournalist oder Opernsänger werden."

STANDARD: Wollten Sie auch Opernsänger werden?

Prüller: Nein, niemals. Ich liebe zwar die Oper. Manchmal wird sie auch mit der Formel 1 verglichen. Aber ich weiß nicht recht: Wenn Placido Domingo einen falschen Ton singt oder sich einer der Fahrer verschaltet, dann ist das schon ein Unterschied. Oder wie Jochen Rindt einmal gesagt hat: "Wenn ich in der Kurve niese, kann ich tot sein." Aber es gibt sicher eine Nähe zur griechischen Tragödie. Am letzten Wochenende des Ayrton Senna gab es Momente, wenn ich mich da jetzt erinnere, muss ich schon sagen: Da hat sich was angebahnt.

STANDARD: Faszinieren Sie diese Dramen in der Formel 1? Spekuliert man insgeheim damit als Moderator?

Prüller: Große Dramen wünscht sich keiner. Kleine Dramen sind unvermeidbar. Kollisionen etwa. Die Autos sind so am Limit, dass immer wieder etwas passiert. Spekulieren? Nein, mich interessieren vor allem die menschlichen Seiten, die können ganz undramatisch sein.

STANDARD: Gibt es davon in der Formel 1 mehr als anderswo?

Prüller: In der Formel 1 sind die Schicksalsverquickungen sehr stark. Beispiel: Ein Fahrer wie Mika Häkkinen führt zuletzt beim Grand Prix in Barcelona, und in der letzten Runde fällt der arme Mann aus . . . Da muss man schon relativ rasch auch sagen, wem das noch in der letzten Runde passiert ist . . .

STANDARD: Und?

Prüller: Jack Brabham zum Beispiel. In Monaco 1970.

STANDARD: Wie merken Sie sich das bloß?

Prüller: Ich bin kein Zahlengenie, ich sehe die Bilder vor mir. Wenn etwas derartiges passiert, hab' ich offenbar im Kopf meine Dateien, die ich automatisch abrufen kann. Zum Nachschauen wäre da gar keine Zeit.

STANDARD: Wirft man Ihnen in diesem Zusammenhang nicht manchmal vor, in nutzlosem Wissen zu kramen?

Prüller: Nutzloses Wissen? Sie meinen diese Geschichten: Der Großvater des Fahrers XY hatte Nagelbettentzündung am soundsovielten gehabt? Okay, man kann davon ausgehen: Es gibt wichtigere Dinge als die Formel 1. Nur: Wenn wir ein Grand-Prix-Wochenende übertragen, kommen wir auf vier bis sechs Stunden insgesamt. Da wäre es doch langweilig, gar keine Geschichten zu erzählen. Und die muss man auch mit Leidenschaft bringen, um die Stimmung wiederzugeben. Da bin ich ein Vermittler. Ein Beispiel: Wenn ich mir in Japan ein Fußballspiel anschaue, drehe ich den Ton dazu auf, auch wenn ich kein Wort verstehe.

STANDARD: Wie ist denn so der Alltag des Formel-1-Vermittlers?

Prüller: Oft nicht ganz leicht. Ich habe einen kleinen Monitor, da scheint manchmal die Sonne drauf, und ich sehe fast nichts. Dann kontrolliere ich die Rundenzeiten, versuche zu vergleichen, schau, ob jemand Probleme hat. Ob er gerade jemanden überrunden wollte. Und dazwischen erzähle ich halt, was ich weiß. Das erinnert mich an einen Tennislehrer, der gesagt hat: "Beim Aufschlag mit einem Auge auf den Ball, mit dem anderen auf den Gegner schauen."

STANDARD: Erinnern Sie sich an einen Tag, an dem es fast unmöglich war, diese Rolle auszufüllen?

Prüller: Ja, das war zum Beispiel in Buenos Aires. Die Argentinier brachten keine Tonverbindung zusammen. Ich stand in einer Telefonzelle auf dem Renngelände. Und warf Pesos ins Telefon. Klar, dass der Ton nicht so gut war.

STANDARD: Wenn Sie einmal ernsthaft Rückschau halten: Sie sind heute nicht weniger populär als die Rennfahrer. Erfüllt sie das mit Genugtuung?

Prüller: Ich fühle mich akzeptiert - nicht mehr. Die Stars sind die Sportler. Wir Sportreporter sollten uns nicht zu wichtig nehmen. Wir sind nicht die mit der besseren Kondition oder Taktik.

STANDARD: Keine Eitelkeiten? Kein Wunsch nach Ruhe?

Prüller: Klar denkt man sich manchmal, wie viele Stunden man wohl allein für die 60 Bücher, die man geschrieben hat, am Hintern gesessen ist. Ich will nicht zurückschauen und Pfründe verteidigen. Ich hab' nichts davon, wenn man sagt, vor 30 Jahren hätte ich Niki Laudas Grands Prix so kommentiert, dass ganz Österreich schluchzen musste. Was zählt, ist die aktuelle Situation. Wie beim Sportler. Solange ich mit Herz und Leidenschaft dabei sein kann, werde ich sicher weitermachen. Wenn das einmal aufhört, muss man einen Schlussstrich ziehen. Sonst betrügt man die Zuschauer und letztlich auch sich selbst.
(Peter Illetschko, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 4. 2001)

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