ÖIAG: Wende zum Dilettantismus - Von Luise Ungerboeck

6. Mai 2001, 19:03
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Das ÖIAG-Postenchaos wirft ein grelles Licht auf die Wirtschaftskompetenz der FPÖ

Rot raus, Luft rein. Auf diesen einfachen Nenner könnte man die am Wochenende erfolgte Nominierung des Mannesmann-Managers Peter Michaelis zum Vorstand der Verstaatlichtenholding ÖIAG bringen. Denn mit Michaelis haben die Wenderegierung und der von ihr installierte ÖIAG-Aufsichtsrat geradezu eine Nullnummer in den Chefsessel geholt. Niemand hat den Wunderwuzzi, der ein Vierteljahrhundert beim Düsseldorfer Röhren- und Telekomkonzern werkte, je gesehen, keiner dessen Namen je zuvor gehört.

Allein die Bestellung des gebürtigen Oberösterreichers, dessen Management- und Wirtschaftskompetenz unbestritten sind, geriet zur Lachnummer. Die Eigentümervertreter gingen so vor, dass im günstigsten Fall das Attribut "unprofessionell" gilt.

Zunächst haben die an den transparenten, aber nicht unsichtbaren Fäden des Papierindustriellen und FPÖ-Wirtschaftssprechers Thomas Prinzhorn zappelnden ÖIAG-Räte rund um Aufsichtsratschef Alfred Heinzel den "roten" Rudolf Streicher mit Millionen in die Wüste geschickt, ohne auch nur einen einzigen Interessenten für dessen Nachfolge zu haben.

Personalberater reisten nun landauf, landab, um zu erfahren, dass der politisch hoch brisante, aber nicht hoch dotierte Job des Ausverkäufers von Staatsbeteiligungen wie Dorotheum, Austria Tabak, Telekom & Co keine Wirtschaftskapitäne von internationalen Flaggschiffen lockt. Da war es geradezu ein Glück, dass Michaelis, dessen Vertrag bei Mannesmann im Sommer ohnehin auslief, den Posten des Liquidators von sich aus haben wollte.

Bei der ebenfalls angestrebten Ablöse des Streicher-Kompagnons Johannes Ditz scheiterte der Prinzhorn-Clan am Koalitionspartner ÖVP. Die ÖIAG-Granden schafften es nicht, den Neuen als Chef zu installieren, obwohl der als Patriarch geltende Heinzel bei allen ÖIAG-Firmen einen Chef mit Dirimierungsrecht sitzen haben will.

Dissonanzen innerhalb der FPÖ

Damit aber nicht genug: Das Konzert um die Postenbesetzung in Staatsfirmen wurde auch noch von Dissonanzen innerhalb der FPÖ schwer gestört. Finanzminister Karl-Heinz Grasser fühlte sich übergangen, als Infrastrukturministerin Monika Forstinger den Berliner Rüdiger vorm Walde als ÖBB-Chef durchboxte. Dabei sollte man erwarten können, dass die Blauen bei der von ihnen geforderten Suche nach den "besten Köpfen" wenigstens intern koordiniert vorgehen, wenn sie von der ÖVP schon freie Hand bekommen. Dass die Kür des neuen ÖIAG-Chefs gegen den Wunsch des Finanzministers und just, als dieser auf Hawaii urlaubte, erfolgte, ist ein pikantes Detail.

Abseits des Gerangels um Staatsmanager, das die zwischen paläoliberalen Ansätzen ("kein Staat") und hyper-etatistischen Parolen ("der Staat muss den kleinen Mann vor dem Unfallrentenklau schützen") taumelnde FP-Riege von echter Wirtschaftspolitik abhält, leisten sich die Blauen auch noch ertragsschädigende Aussagen.

Jüngstes Beispiel: Finanzminister Grasser will potenzielle Käufer des 41,1-Prozent-Anteils an der Austria Tabak verpflichten, die Zigarettendreher binnen drei Jahren wieder an die im Halbschlaf befindliche Wiener Börse zu bringen. Dahinter steckt freilich die späte Erkenntnis, dass mit den fixierten Abverkaufsterminen für ÖIAG-Firmen auch ein Großteil der Börseumsätze entfällt. Zuvor hatte Grasser die ÖIAG-Musterschüler OMV und Böhler-Uddeholm als im internationalen Vergleich nur mittelmäßig abgekanzelt - beide fahren ein Rekordergebnis nach dem anderen ein. Dass ÖIAG-Boss Heinzel nicht schlafen kann, weil die AUA angeblich so schlechte Ergebnisse einfliegt, ist bereits legendär.

Schlaflose Nächte könnten nun auch die Österreicher bekommen, denn Dilettantismus dieser Art wird die Verkaufserlöse und Kurse der ÖIAG-Firmen derart schmälern, dass Milliarden verschenkt werden. Und für diese müssen letztlich die Steuerzahler aufkommen. (DER STANDARD, Printausgabe 7.5.2001)

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