Räuberlegende mit Hang zum Familiären

10. Mai 2001, 12:33
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Der heutige Londoner Bürgermeister Ken Livingstone wuchs in Ronnies Heimatbezirk auf, außerdem steht im Londoner Stadtteil Lambeth auch die Residenz des Erzbischofs von Canterbury. Keine schlechte Gegend also, wenn auch bescheiden; und als der inzwischen legendäre Posträuber Ronald Biggs dort am 8. August 1929 geboren wurde, war er vorerst nur das fünfte Kind einer Arbeiterfamilie.

Trotz ärmlicher Verhältnisse wurde er während des Bombardements von London im Zweiten Weltkrieg zu seiner eigenen Sicherheit nach Cornwall geschickt. Erst als er 1942 wieder nach London zurückkehrte, kam er erstmals wegen kleiner Ladendieb-stähle mit dem Gesetz in Konflikt. Doch auch das schien überwunden, als sich der 18-Jährige 1947 freiwillig zur Royal Air Force meldete. Während eines Urlaubs aber brach Ronnie in eine Drogerie ein, was ihm sechs Monate Haft und eine unehrenhafte Entlassung aus dem Militärdienst einbrachte.

Das war der Start zu seiner Laufbahn als Schwerkriminel- ler, immer wieder landete er im Gefängnis, in einem lernte er Bruce Reynolds kennen, den Mann, der 14 Jahre später 1963 die treibende Kraft hinter dem großen Postraub war.

Wieder einmal auf freiem Fuß, traf er im Oktober 1957 Charmian Powell, die beiden heirateten im Februar 1960, und der erste Sohn, der 1971 bei einem Autounfall in Australien sterben sollte, wurde geboren. Ein zweiter Sohn kam 1963, dem Jahr des Postraubs, dazu und ein dritter, als das Paar 1967 auf der Flucht in Australien war.

Der Kriminelle war also gewisserweise auch Familienmensch. Nach dem großen Postraub und der spektakulären Flucht aus dem Gefängnis ließ er sich allerhand einfallen, um sich in Australien mit Frau und Kindern ein bürgerliches Leben einzurichten.

Weniger familiär war dann allerdings seine Vaterschaft in Rio de Janeiro, wohin es ihn 1970 auf der Flucht vor Scotland Yard (die ihn auch von seiner Familie trennte) verschlug. Dort schwängerte er eine Stripteasetänzerin und sicherte sich damit gegen eine Auslieferung an die britische Justiz ab.

Seither lebte er - niemand weiß wirklich genau, was ihm von der Riesenbeute des Postraubs geblieben war - ohne erkennbaren Mangel in Rio. Ein erster Schlaganfall 1998 hielt ihn nicht davon ab, 1999 seinen Siebziger so ausgiebig zu feiern, dass er einen zweiten erlitt, von dem er sich nicht mehr erholen konnte.

Des Sprechens nicht mehr fähig, kommuniziert er weltweit via E-Mail. So ließ er auch den Briten ausrichten, er werde nun nach Hause kommen und hoffe, einmal noch gemütlich im Pub ein Bier trinken zu können. Dafür hat Scotland Yard wenig übrig - Ronald Biggs erwartet neuerliche Haft. Ob ihm die britische Justiz noch das Bier in Freiheit gönnt, ist ungewiss. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2001)

Von Klaus-Peter Schmidt
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