Deutschland vor dramatischem Mangel an Akademikern

6. Mai 2001, 19:31
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Tief greifende Reformen des Bildungssystems gefordert

Lübeck - Deutschland steht nach einer Arbeitsmarktanalyse der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in den nächsten Jahren vor einem dramatischen Akademikermangel. Bis 2010 würden auf dem Arbeitsmarkt rund 250.000 Hochschulabsolventen fehlen, sagte die Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft, Eva Maria Stange, am Samstag bei der Eröffnung des GEW-Gewerkschaftstages in Lübeck. Diese Zahl wäre notwendig, um die bis dahin in Pension gehenden akademischen Fachkräfte zu ersetzen und gleichzeitig den weiter wachsenden zusätzlichen Bedarf der Wirtschaft zu befriedigen. Stange forderte Bund und Länder zu tief greifenden Reformen des Bildungssystems auf.

Als Gründe für den Akademikermangel werden in der Studie die im internationalen Vergleich in Deutschland viel zu niedrigen Abiturientenzahlen und die hohen Abbrecherquoten im Universitätsstudium genannt.

Auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sagte, Deutschland brauche dringend "mehr und besser ausgebildete Hochschulabsolventen". Durch falsche politische Weichenstellungen in der Bildungspolitik habe sich die Bundesrepublik in den letzten beiden Jahrzehnten von der internationalen Entwicklung abgekoppelt. Kinder aus Familien mit geringem Einkommen seien an Gymnasien und Hochschulen nach wie vor unterrepräsentiert.

Nach Aussage von Bulmahn haben es andere Nationen in den letzten 20 Jahren dagegen viel besser verstanden, Begabungsreserven in der Gesellschaft zu mobilisieren. Mit 28 Prozent Studienanfängern pro Jahrgang liege Deutschland deutlich unter dem internationalen Durchschnitt. In den USA nähmen 44 Prozent aller Jugendlichen nach der Schule ein Studium auf, in Finnland sogar 58 Prozent.

Bulmahn verwies darauf, dass die Beschäftigungschancen für Menschen mit geringer Qualifikation in Deutschland immer weiter zurückgingen. Nach einer Prognose der Bundesanstalt für Arbeit würden bis 2010 fast 2,5 Millionen weitere Arbeitsplätze für gering Qualifizierte verschwinden.

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Dieter Schulte, sagte, Deutschland liege bei seinen öffentlichen Ausgaben für Bildung international abgeschlagen an achter Stelle. Zugleich warnte Schulte vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von Internet und Neuen Medien vor einer neuen Spaltung der Gesellschaft in eine "Online- und Offlinebevölkerung". (dpa, DER STANDARD, Printausgabe 7.5.2001)

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