Tête-à-tête der Monster-Queens

8. Mai 2001, 21:56
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Ballette von Liz King, Catherine Guerin und Georg Reischl in der Volksoper

Wien - Das Schattenreich ist keineswegs bedrohlich. Zumindest nicht in der Volksoper, wo der in Kooperation mit dem Tanztheater Wien geschaffene dreiteilige Ballettabend Underworlds am Samstag seine Premiere erlebte. Die vielseitigen Tänzer waren am Schaffensprozess maßgeblich beteiligt. Sie prägen den derzeit aktuellen, aus dem klassischen Vokabular entwachsenen, überaus interessanten "Volksopernstil".

Den Auftakt machte Liz King mit Epigamic Analogy (Musik: Béla Fischer, Kodo und Arne Norheim), einem kurzen Stück, das das Kommunizieren über den Tanz zum Thema erhebt. Dafür hatte jeder der sieben Tänzer eine Reihe von Bewegungscodes zu entwickeln, mit denen Beziehungen untereinander angepeilt werden konnten. Daraus resultierte kein Kauderwelsch divergierender Schritte, sondern ein homogenes, flüssig leicht gestaltetes Ensemblestück voll flüchtiger Duette und runder Soli, die einen reizvollen Kontrast zu Manfred Biskups emporstrebenden Drahtskulpturen bildeten.

Viele Kontraste

Vielschichtiger dann Catherine Guerins Counter Fits: Zu Beginn lässt sie eine dröhnende Klangkulisse (Musik: Fischer, Sebastian Schlachter, Stefan Strobl) um das Publikum kreisen, lässt dem Betrachter Zeit, sich an die von ihr entworfene, von mobilen Wänden verschachtelte Bühne mit ihrem Hell-Dunkel-Kontrast zu gewöhnen. Dort wird am künstlichen Wesen à la Mary Shelleys "Frankenstein" gebaut.

Alle acht Tänzer wirken dabei mit, steuern ihre fein ziselierten Bewegungselemente bei. Wer oder was dieses künstliche Wesen ist, kann nur erahnt werden. Wahrscheinlich heißt es Choreographie, heißt es Stückwerk, an dem viele unterschiedliche Charaktere beteiligt sind. Und so treten die Tänzer in verschiedenen Rollen auf, die austauschbar sind und sich übertragen lassen.

Genau so funktioniert das mit der Bewegung: Zwei ident wirkende Männer führen parallel und sukzessiv Bewegungssequenzen aus, imitieren einander oder übersetzen die Artikulation der Arme auf die Beine. Andere rezitieren Passagen aus Shelly Jacksons Patchwork Girl oder aus den Schriften von Antonin Artaud. Mehr als das Inhaltliche steht die Melodie, der polyphone Sprechgesang im Vordergrund. Besonders dann, wenn Esther Balfe und Eveline van Bauwel, beide in königsblaue Reifröcke gekleidet und wie Zwillingsschwestern wirkend, ihr Hin-und-her-Rasen stimmlich begleiten.

Verzerrte Stimme

Gerne setzt Guerin Täuschungsmanöver ein. So tritt eine Frau mit langen weißen Haaren auf, deren elegisch verzerrte Stimme wie die eines Mannes klingt. Auch an Humor mangelt es der amerikanischen Choreographin nicht. Dr. Frankenstein ist immer präsent, als riesige Schattenfigur mit langen Fingerkrallen schleicht er im Hintergrund umher. Nicht jede Szene klärt sich vollständig auf. Aber bei einem Monster mit weiblichen und männlichen Anlagen darf Verwirrendes ruhig irritieren.

Was beeindruckt, ist Guerins Gabe, durchgehend die Spannung zu halten, und die Gabe, die jeweiligen Tanzszenen visuell ansprechend im Raum aufzulösen. Angstfantasien haben Georg Reischl zu INdirIRGENDWO (Michiel Jansen) inspiriert. Auch er spielt mit Sprache, entwickelt aus Textfetzen expressive Bewegungen, die zu einer passablen Choreographie zusammen wachsen und in einen dynamischen Schluss münden.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2001)

Von
Ursula Kneiss

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