Die Villa zur Macht

6. Mai 2001, 22:17
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Gigantische Welle und abstrakte Akropolis: Das neue Kanzleramt in Berlin

Das von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene Kanzleramt, innerhalb von vier Jahren gegenüber dem Reichstagsgebäude errichtet, wurde am 2. Mai feierlich eingeweiht. Es ist ein neues Symbol der Bundesrepublik, meint STANDARD-Mitarbeiter Niklas Maak.


Als alles fertig war, stellte sich der Kanzler vor sein neues Amtsgebäude, betrachtete missmutig die monotonen Fassaden und drehte sich um zum Park, in dem die Bäume rauschten. Später sagte er, das Ganze erinnere ihn an eine zu groß geratene rheinische Sparkasse.

Der Kanzler hieß Helmut Schmidt, und sein 1976 eingeweihtes Kanzleramt war der vollendete Ausdruck der Bonner Republik: eine im Park perfekt versteckte Verwaltungsschatulle, die zeigen sollte, wie gründlich man dem architektonischen Säbelrasseln der Nationalsozialisten abgeschworen hatte.

Die neue Bescheidenheit hatte allerdings auch Nachteile: Die Staatsmacht wurde unsichtbar. Andere Demokratien hatten wiedererkennbare Orte: Wenn aus Washington oder aus Paris berichtet wurde, stand der Reporter vor dem Weißen Haus oder vor den Toren des Elysée-Palasts; in Deutschland sah man nur ein paar Limousinen, die an einem Pförtnerhäuschen vorbei in den Kanzleramtspark düsten, ganz so, als werde dieses Land aus fahrenden Autos heraus regiert. Der Verzicht auf Repräsentation erzeugte auch eine neue Unangreifbarkeit: Wohin sollten Demonstranten ziehen, vor welchem Symbol sollte sich Protest formieren?

Dieser Unsichtbarkeit der Regierung setzt das neue, von Axel Schultes und Charlotte Frank entworfene Kanzleramt ein donnerndes Ende. Die Politik kehrt in die Stadt zurück, in einen knapp 3,3 Milliarden Schilling teuren, 36 Meter hohen Bau mit 370 Büros und einem 335 Meter langen Südflügel, gegen den der Elysée-Palast wie ein Wochenenddomizil aussieht.

Gigantische Welle

Die Fragen an Schultes sind immer die gleichen: Warum ist es hier so groß? Dürfen wir Deutschen das? Es ist eine Ästhetik des Erhabenen, mit der Schultes hier spielt: Im Hof schaut man an der Fassade empor wie an einer gigantischen Welle, die sich auftürmt und bricht. Nichts wirkt statisch: Die hellen großen Stelen, auf denen Felsenbirnen wachsen, tanzen wie wildgewordene Menhire in den Hof hinein, oben schwingt sich das Dach wie ein poröses Segel in den Himmel empor.

Das Kanzleramt ist groß; aber eben gerade nicht zermalmend wie Albert Speers banale Einschüchterungskästen. Dass einige Kritiker das Kanzleramt zur totalitären Herrschaftsarchitektur erklären wollen, ist umso seltsamer, als gerade die einschüchternde, monumentale Geschlossenheit totalitärer Bauten vermieden wird. Alles schwingt leicht, wellt und weht auseinander, als könne die Stadt durch das Gebäude hindurch diffundieren. Und auch die jetzt noch monoton wirkenden Riegel der Verwaltungsgebäude werden anders aussehen, wenn die Alleen erst einmal gewachsen sind.

Zudem: Das Kanzleramt, das jetzt monolithisch im Stadtbild steht wie eine Sphinx, der man die Pyramide weggenommen hat, war nie als Solitär gedacht, sondern als Teil eines Stadt-Raumes, dessen Herzstück das Bürgerforum gewesen wäre. Es sollte ein Ort für Feste oder Demonstrationen werden, ein Platz mit Restaurants, Cafés, einem Museum. Dass dieser städtische Raum nun eine gähnend leere Fläche geworden ist, weil sich kein Politiker dafür zuständig fühlt: Das, nicht die Größe, ist der Skandal.

Abstrakte Akropolis

Schultes träumte von einer neuen Stadt, die aus Räumen und Plätzen bestehen sollte, von einer neuen Agora, einem Schauplatz für die Stadtgesellschaft, in der sich das Kanzleramt wie eine abstrakte Akropolis auftürmt. In diesem Kontext wäre die Größe des Baus kein autoritäres Herrschaftssymbol gewesen, sondern ein Zeichen dafür, dass der Staat die Stadt nicht den Türmen und dem Treiben privater Investoren überlässt.

Schultes hat für das Kanzleramt einen Gebäudetyp gewählt, der aus der Gegenwartsarchitektur fast vollkommen verschwunden war: das Hôtel. Vorne ein offener Ehrenhof, der von Wirtschaftsgebäuden flankiert wird, in der Mitte Wohn- und Repräsentationsräume, hinten der Garten, eine Bauform also, die eigentlich besser zu den Bedürfnissen wohlhabender Renaissancemenschen passt als zu einer demonstrativ bescheidenen Volksvertretung.

Auf der Gartenseite des Amtes gibt es eine Terrasse, die auch Ludwig XIV. hätte erblassen lassen. Meterhoch schießen da die Stelen, die mit Bäumen bepflanzt werden; der Blick fällt in einen Park mit pittoresken Wegen, die zur Kantine am Ende des Südflügels führen. Das neue Amt ist eine kunstvolle Folge von Bühnen, Übertragungssälen, journalistenfreundlichen Räumlichkeiten. Macht muss medienwirksam inszeniert werden können: Zu dieser Erkenntnis baute Schultes den ersten Repräsentationsbau des Medienzeitalters.

Der beste Teil des Gebäudes befindet sich in den oberen Etagen: eine grandiose Treppe, die sich durch die drei Obergeschoße schwingt und in einer Art Amphitheater mündet. Von hier aus, unter einem segelartig schwingenden Dach, dessen Form an einen liegenden weiblichen Torso erinnert, von hier aus schaut man auf die Spree und auf den Reichstag, mit jedem Schritt eröffnen sich neue Perspektiven. Wenn jemand behauptet, dass Treppenhäuser von der Raumerfindungskraft eines Balthasar Neumann in der Moderne nicht mehr möglich seien, dann liefert Schultes den Gegenbeweis. Es ist, als sei hier die Utopie eines neuen Begegnungs- und Erlebnisraums in Miniatur entstanden.

Ob dem Kanzler sein Arbeitszimmer ähnlich gut gefällt, ist Geschmackssache: Da hängt die Decke auf nur 2,70 Meter durch und wellt sich wie im ICE-Restaurant in Richtung Fenster. Auch die Einrichtung ist Geschmackssache: rotes Buchenholz vor grünmetallicfarben lackierten Türen und Fensterrahmen. In den angrenzenden Büros kurvt alles ungeheuerlich, und nach so vielen trudelnden Formen ist man froh, dass die Räume des Verwaltungsgebäudes eckig sind und an wunderbar strenge, bepflanzte Innenhöfe angrenzen, in die durch ein Glasdach helles Tageslicht fällt.

Motor der Republik

Weil das verbindende Forum fehlt, stehen Schultes' Kanzleramt und Stefan Braunfels' Bau für die Abgeordnetenbüros und die Bundestagsausschüsse jetzt wie These und Antithese einer neuen Ikonographie der Staatsmacht einander gegenüber. Die acht Zylinder von Braunfels, in denen die Ausschüsse tagen, dazwischen die Büros, ist eine perfekte Maschine, der Motor der Republik. Gegenüber residiert der Kanzler auf einer Bühne, die das Gegenteil ist: die symbolische Öffnung der Politik zur Gesellschaft, die großartige Inszenierung eines südlicheren Staates.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2001)

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