"Sprache ist eine mächtige Waffe"

7. Mai 2001, 05:24
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Saul Williams, Slam-Poetry-Star und Hip-Hop-Hoffnung, sprach zum STANDARD

Der New Yorker Poet Saul Williams gab heuer mit dem Album "Amethyst Rock Star" eines der wortgewaltigsten Statements in der Geschichte des Hip-Hop ab. Der 30-Jährige im Word-Rap über Sprache, Dichtung und das Sterben im Takt. Aufgezeichnet von Christian Schachinger.


Wien - Von einigen Stichworten abgesehen, fragen braucht man Slam-Poetry-Star, Hip-Hop-Hoffnung und Drehbuchautor Saul Williams, der demnächst auch als Schauspieler an der Seite von Kevin Spacey und Jeff Bridges im Kinofilm K-Pax zu bewundern sein wird, nicht allzu viel. Bevor er am Wochenende im Wiener Flex sein hochgelobtes Debütalbum Amethyst Rock Star und dessen wilde Mischung aus politischer Poesie und "dekonstruktivistischen" Sprachexperimenten im Duktus sperriger Breakbeats in den Saal wuchtete, gab Williams dem STANDARD eine Privatpredigt. Nur eines noch: Die Mutter ist Lehrerin, der Vater tatsächlich "Preacherman".

Saul Williams: "Das Potenzial von Hip-Hop wird nicht genügend genutzt. Hip-Hop wie ihn Public Enemy Mitte der 80er-Jahre revolutionierten, war einmal die zentrale Stimme der Rebellion, ganz egal welcher ethnischen Zugehörigkeit. Er diente nicht nur zur Verbreitung revolutionärer Gedanken, sondern auch als Informationskanal. Zehn Jahre später wird er von Leuten ausgebeutet, die bloß auf die Schnelle reich werden wollen, Typen wie Puff Daddy. Hip-Hop ist nach seinem weltweiten Siegeszug dadurch wieder eine zutiefst amerikanische, eine rein materielle Sache geworden.

Grundsätzlich geht Hip-Hop wie kein anderer Musikstil mit Sprache um. Sprache bedeutet Macht. Sprache ist eine Waffe! Nehmen Sie eine beliebige Weltreligion. Katholiken, Muslime, Buddhisten, alle wissen um diese Macht, sie verwenden Beschwörungsformeln. Das Wichtige dabei, egal ob ich ein Vater unser bete oder Allah anrufe: Sag es laut! Deshalb ist Hip-Hop so eine unglaubliche Kunstform. Er bringt Menschen dazu, ihre Stimme zu erheben. Daraus folgt, um auf Puff Daddy zurückzukommen, die Frage: Verdammt, was soll ich sagen?! Wenn man davon ausgeht, dass Worte den Fluss des Universums beeinflussen können, ist es von allergrößter Bedeutung, genau darüber nachzudenken!

Mit der Macht des Wortes geht also Verantwortung einher, wir alle müssen das lernen. Will ich lieber etwas über mich und meine Rolle in der Welt herausfinden, oder will ich darüber rappen, dass ich einen großen Schwanz und eine dicke Brieftasche habe und jede Frau abschleppen kann, die ich haben will? Das ist es doch, was Hip-Hop heute ausmacht!

Im Hip-Hop haben Leute die Protagonistenrolle übernommen, die vorgeben, hundsgemeine Schwerverbrecher, also wirklich hardcore zu sein, und behaupten, den "wahren" Geist von Hip-Hop zu vertreten. Sie beuten das Genre genauso aus, wie es vor hundert Jahren MC Hammer oder Vanilla Ice taten. Zwischen einem Gangsta-Rapper und diesen Karikaturen sehe ich nicht allzu viele Unterschiede. Von der rührenden weißen Erfolgsstory des White-Trash-Kid, das vom Tellerwäscher zum Millionär wird, hat sich das Ganze heute nur ins schwarze Ghetto verlagert.

Sprache bestimmt das Denken, sie bildet die herrschenden Verhältnisse ab. Wenn also im Hip-Hop Energie damit vergeudet wird, über Gewalt zu rappen, sagt das etwas über den Zustand der Welt, in der wir leben, aus, aber nichts über die Welt, wie sie sein sollte. Darum aber sollte es gehen.

Dichtung hat nichts damit zu tun, dass man unbedingt eine eigene Sprache findet. Es geht darum, dass man eine eigene Stimme findet. Mach dir die Sprache untertan! Ich selbst dekonstruiere und rekonstruiere Sprache, schreibe Hymnen der Negation und entwickle daraus Neues. Für mich hat Dichtung auch eine therapeutische Funktion, sie bringt mich weg von Aspekten meiner Persönlichkeit, die ich nicht so sehr schätze.

Mit Dichtung schreibt man natürlich Geschichte. Present, also Gegenwart, bedeutet im Englischen auch pre-sent. Die Gegenwart wurde uns aus der Vergangenheit geschickt. Present bedeutet zusätzlich auch noch Geschenk. Die Vergangenheit beschenkt uns mit der Gegenwart. In beiden ist die Zukunft beinhaltet.

Die Geschichte der Sklaverei beispielsweise findet im Heute ihre Fortsetzung. Früher trugen wir Eisenketten an den Füßen, heute tragen wir Ketten aus Gold oder Platin um den Hals. Man muss sich bewusst sein, dass dies alles, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, gleichzeitig passiert. Die Schönheit, die Hoffnung liegen in der etwas ungewohnten Perspektive. Aus dieser müssen wir unsere historische Position im Heute neu definieren, weil damit das Morgen geschrieben werden wird. Morgen werde ich mein Recht einklagen, ein freier Mann zu sein!

Die meisten Afroamerikaner wissen nicht, wo ihre Heimat liegt, ihre Geschichte, die im Gegensatz zu jener des weißen Mannes immer eine mündlich überlieferte war. Sie wurde mit der Versklavung ausgelöscht. Wer so wie Sie als junger Österreicher zwischen all diesen alten Wiener Häusern ständig mit der eigenen Geschichte, mit der Tradition Ihres Volkes konfrontiert ist, kann deswegen viel leichter in neuen Bahnen zu denken lernen. Sie wissen, wer Ihre Vorfahren waren und können deshalb behaupten, so wie meine Ururururgroßeltern möchte ich es in meinem Leben einmal auf keinen Fall machen!

Natürlich kann Geschichte auch eine Belastung sein. Ich bin mir sicher, dass es in Ihrem Volk Ereignisse in der Vergangenheit gibt, die Sie am liebsten ungeschehen machen würden. Dieses Wissen aber ermöglicht den Wunsch nach Veränderung. Wir wurden durch die Versklavung von all unseren Traditionen abgetrennt, wir wurden nicht nur unserer Freiheit, sondern auch unserer Geschichte beraubt.

Die Welt im Takt

Ironischerweise resultiert daraus andererseits eine unglaubliche Freiheit. Wer auf nichts Altes bauen kann, muss das völlig Neue erfinden. So gaben wir der Welt das wunderbare Geschenk des Blues und Jazz, zu deren abgeleiteten Rhythmen sich noch heute die ganze Welt im Takt wiegt.

Die Geschichte wurde vom weißen Mann geschrieben, aber die Zukunft ist in den Wandmalereien und in den alten Hieroglyphen in Afrika festgehalten. Du kannst Geschichtsbücher verbrennen, nicht aber Wände aus Stein. Alles im Leben folgt einem bestimmten Rhythmus, das Herz, die Geschichte, die Dichtung. Und ich sage Ihnen eines: Sie werden sterben - und selbst dabei werden weder Sie noch die Welt aus dem Takt geraten! Jetzt werden Sie einmal damit fertig."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2001)

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