Ein "besorgter Freund"

6. Mai 2001, 19:32
posten

Diskussion über das Verhältnis Österreich-Frankreich

Vor drei Jahren war die Sicht eine völlig andere. Laut einer Umfrage im Auftrag der österreichischen Botschaft in Paris hatten über 50 Prozent der Franzosen ein überaus positives Bild von Österreich, wenngleich die Alpenrepublik zumindest in der breiten französischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde.

Seit Bildung der schwarz-blauen Koalition hat sich das gründlich gewandelt. "Wir erkennen unser Österreich nicht mehr", formulierte es Michel Cullin, der Direktor des Institut Fran¸cais in Wien Freitagabend zum Abschluss der dreiteiligen Diskussion über "Feindbilder - Wie Völker miteinander umgehen" im ORF-Landesstudio Innsbruck.

Bei der von ORF und STANDARD organisierten Diskussionsreihe geht es darum, Stereotype und Vorurteile zwischen Österreich und Deutschland, Österreich und Belgien sowie im Verhältnis zu Frankreich aufzuzeigen und so einen Beitrag zu ihrem Abbau zu liefern. An allen drei Abenden wurde klar, dass durch die Bildung der schwarz-blauen Regierung das vorher ziemlich verschwommene Österreichbild in den EU-Ländern profilierter, aber auch deutlich negativer wurde.

Waren vor dem 4. Februar 2000 die touristisch gut vermarktbaren Bilder der Mozartkugel- und Lipizzaner-Republik dominierend, ist es nun der "europäische Tabubruch" durch die Beteiligung einer Partei mit zum Teil rechtsradikalen Elementen an der Regierung, der Österreichs Image prägt. "Das Rad hat sich gedreht", meinte Joelle Stolz, die für Le Monde über Österreich berichtet. Gleichzeitig betonte sie aber, dass gerade in Frankreich sehr viel über das "andere Österreich" berichtet werde. Also über jene, die unverdrossen jeden Donnerstag gegen die Regierung auf die Straße gehen, und die diversen Widerstandsgruppen, die sich seit der Großdemo am 19. Februar 2000 in vielen Bereichen bildeten.

Das Unverständnis der Österreicher über die Hintergründe der klar ablehnenden Haltung vieler Franzosen gegenüber der Regierung bedauerte der Historiker und Schriftsteller Georg Schmid, der seit Mitte der 90er-Jahre in Frankreich lebt und ORF-Korrespondent Lorenz Gallmetzer. Man wolle hierzulande schlicht nicht zur Kenntnis nehmen, dass es sich dabei um die Haltung eines "besorgten Freundes" handle. Dieser kämpfe ebenfalls mit Xenophobie, Rassismus und Neofaschismen, meinte der Historiker Oliver Rathkolb. Es gehe also darum, gemeinsame Strategien dagegen zu entwickeln.

Wie ein roter Faden zog sich durch die Diskussion, dass den Österreichern das "nie wieder" viel zu wenig bewusst sei. Es war nämlich die Absage an den Holocaust und den 2. Weltkrieg, der zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft geführt hat. Und nur wer die Haltung "nie wieder" kennt, kann die für Österreich international so schwierige Zeit des Jahres 2000 begreifen, die trotz der Aufhebung der Sanktionen dauert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 5. 2001)

Von Katharina Krawagna-Pfeifer
Ausstrahlung der drei Diskussionen (3Sat jeweils um 23.00 Uhr): Österreich- Deutschland am 1. Juni, Österreich-Belgien am 14. Juni und Österreich-Frankreich am 18. Juni.
Share if you care.