Harmonisch-organische Eigengesetzlichkeit

6. Mai 2001, 17:54
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Catherine Guerin, Liz king und Georg Reischl inszenierten den dreiteiligen Tanzabend "Underworld" in der Wiener Volksoper

Der choreografische Körper, wie Dr. Frankensteins Kreatur, ist ein komplexes System von Teilen, die eine Ganzheit formen. Diese Ganzheit ist jedoch keine Einheit, sondern eine Bewegung, ein monströser Tanz der Teile." Das Zitat von Catherine Guerin aus einem Kommentar zu ihrer eindrucksvollen Choreografie "Counter Fits", die zur neuen dreiteiligen Produktion "Underworlds" von Volksopernballett und Tanztheater Wien gehört, charakterisiert ganz gut das gesamte Programm, das am Samstag in der Volksoper Wien seine umjubelte Uraufführung erlebte: Die in sich kaum kohärenten und entschlüsselbaren drei Arbeiten verschiedener ChoreografInnen verbinden sich noch am ehesten zu einem großen Rätsel.

Analogie des Seins in der Materie

Noch am homogensten ist die 20-minütige "Epidemic Analogy" von Ballettdirektorin und Tanztheater Wien-Leiterin Liz King, eine abstrakte "getanzte Analogie des Seins in der Materie" zwischen metallenen Gräsern im leeren Raum, basierend auf - schwer decodierbaren - Bewegungscodes, die die Interaktion zwischen den TänzerInnen regeln und so "variable Körperlandschaften" entstehen lassen. Kings erste Arbeit ohne psychologischen Zugang findet im Mittelteil zu einem zauberhaften Moment von harmonisch-organischer Eigengesetzlichkeit.

Angst

Der Salzburger Nachwuchschoreograf Georg Reischl, seit 1999 im Ballett Frankfurt bei William Forsythe, setzt sich in seinem halbstündigen Stück "INdirIRGENDWO" mit der Angst auseinander. Zwischen offenen kastenartigen Metallkonstruktionen, die wie verlassene Auslagen mit Neonröhren den Raum in ein kaltes Licht tauchen, stehen neben abstrakten Tanz-Elementen konkretere und theatralische, so übersetzt Reischl etwa das sprachliche Bild vom "Gesichtsverlust" in Strumpfmasken über den Gesichtern der TänzerInnen oder baut dramatische Szenen von schreienden Frauen ein. An der Rampe spricht und flüstert eine Art Chor Texte von Gerhard Rühm und Reischl selbst - eher stilistisches Moment denn verständlicher Kommentar. Dass sich zur unleugbaren Ratlosigkeit irgendwann auch Langeweile gesellte, mag mit der undankbaren Reihung der Choreografie - als letztes Stück nach der Pause - zusammenhängen.

Surrealer Kosmos

Der Höhepunkt des Abends ist der 40-minütige Mittelteil, Catherine Guerins "Counter Fits". Die gebürtige New Yorkerin ist zwar eigentlich keine "Entdeckung" mehr für Wien, hat sie doch schon Ende der 90er-Jahre zwei Stücke für das Tanztheater Wien kreiert und mit King gemeinsam die Erfolgsproduktion "Schwanensee remixed" für die Volksoper choreografiert. Der surreale Kosmos ihrer u.a. von Mary Shelleys "Frankenstein" inspirierten Arbeit ist trotzdem ziemlich neu und aufregend. Starke Bilder, dramatische und atmosphärische Phasen, raffinierte Bühnentricks, Video und filmische Mittel, ein irritierender Umgang mit Musik und Rhythmus. Hervorgehoben seien die ausdrucksstarke Daphne Strothmann in einer theatralische Szene als androgynes Wesen mit männlich verfremdeter Stimme und das Spiegelungs-Duo von Esther Balfe und der jungen Eveline van Bauwel. Ein schwerer Traum, in den man aber gerne noch einmal versinken würde.

(APA)

"Underworlds" - Dreiteiliger Ballettabend des Volksopernballetts und Tanztheater Wien, Folgevorstellungen am 8., 14., 18., 25. und 29. Mai und am 4. und 9. Juni, jeweils um 20.00 Uhr in der Volksoper Wien. volksoper
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