Sinnsucher, Sexsüchtige und Sushi-Fans

12. Mai 2001, 12:18
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Leon de Winter ist auf der Suche nach der perfekten Geschichte
Von Günther Fischer

Die bürgerliche Person unterscheidet sich in aller Regel von der Person des Schriftstellers - wenn dieser nicht gerade seine Autobiographie schreibt. Der Schriftsteller aber kann nicht mit dem Erzähler gleichgesetzt werden, und der Erzähler wiederum ist etwas anderes als die Figuren, die er beschreibt. Klare Abgrenzungen also, die eine Geschichte erst zum Roman machen - und die Leon de Winter in seinem neuen Buch Leo Kaplan mehr als einmal durchbricht: De Winters Protagonist Leo Kaplan ist, wie sein Schöpfer auch, Schriftsteller. Kaplans letzter Erfolg war ein Roman namens Hoffmans Hunger. Einer von de Winters erfolgreichsten Romanen heißt, das wissen wir heute, ebenfalls Hoffmans Hunger. Kaplans Kindheitsort, in den es ihn im Verlauf der mäandernden Handlung zurücktreibt, nennt sich Hertogenbosch. Leon de Winter wuchs in eben dieser holländischen Ortschaft auf. So viele Parallelen können kein Zufall sein - und sie sind mehr als erstaunlich: In seinem in Holland bereits 1986 erschienenen Werk Leo Kaplan nimmt der damals 32-jährige Autor den Welterfolg von Hoffmans Hunger, das erst 1990 veröffentlicht wurde, und die erfolgreiche, wenn auch nicht rundum gelungene Verfilmung dieses Buches schlicht vorweg, erträumte sich seinen zukünftigen Erfolg.

Die Geschichte von Leo Kaplan ist schnell erzählt: Verheiratet mit der schönen Hannah, treibt es ihn trotzdem immer mal wieder zu einem Seitensprung - so auch zu Beginn des Buches. Diesmal ist ihm eine junge Studentin, die den berühmten Schriftsteller glühend verehrt, erotisch zu Diensten. Was sie nicht ahnt: Seit 30 Monaten schon leidet der von ihr bewunderte Autor an einer quälenden Schreibblockade. Kaum hat Kaplan den Ort des Techtelmechtels verlassen, wird er auf der Straße vom Freund der Studentin heftig malträtiert. Dem Gehörnten entronnen, will er nur noch in die Arme seiner Frau sinken - doch Hannah überrascht ihn mit der Nachricht, dass sie seit Monaten einen anderen liebt und Kaplan sich gefälligst eine neue Bleibe suchen soll. Einsam sitzt er anschließend in einem lausigen Mietzimmer, empfindet selbst ein weißes Blatt Papier als Bedrohung und fühlt sich wie ein "leeres Fass, ein gefühlloser Hautsack, gefüllt mit Muskeln, Blut, Angst und Selbstmitleid, ein Kunstmensch, ein Golem." Stück für Stück arbeitet sich Kaplan nun in seiner Erinnerung zurück, bis an den Punkt, an dem sein Leben schief zu laufen begann.

Ein meisterlich gewobenes, monumentales Sittengemälde gestaltet Leon de Winter dafür aus, führt den Leser durch ein Kuriositätenkabinett heutiger Existenzen und Befindlichkeiten: Kaplans Freundeskreis ist ein einziges Tollhaus voller Sinnsucher, Sexsüchtiger, Sushi-Fans und Naturschwärmer im Versace-Look. Und er lässt die Geschichte viele, manchmal unnötige Umwege nehmen: Am Beispiel seiner ersten Frau, Evelien, früher hochpolitisch, heute Jesus dienend und Regenwaldschützerin, spürt der Schriftsteller der tiefen Verzweiflung hinter all den Masken nach, die Menschen vor sich hertragen können. In einem seltenen Moment der Klarheit denkt Kaplan dabei auch an Ellen de Waal zurück, seine erste große Liebe, Mutter seines Sohnes und inzwischen mit dem Diplomaten Frank Jonker verheiratet. Siebzehn Jahre hat er sie nicht gesehen - nun fühlt er, dass bei der Trennung von ihr etwas in seinem Leben zerbrochen ist, was nur sie heilen kann, dass nur eine erneute Begegnung mit ihr eine Gefühlsklärung herbeiführen und ihn retten kann. Und wie es der Zufall will, läuft sie ihm auf dem Flughafen in Rom wieder über den Weg - er ist auf dem Weg zu seiner Lesung im Instituto Olandese, sie holt ihn als Abgesandte der Botschaft am Flugplatz ab. Ellens Antwort auf seine drängenden Lebensfragen ist ein bündiges und lakonisches Fazit: "Du hattest Deine Chancen." Großzügig und hemmungslos erzählt Leon de Winter eine eigentlich sehr kleine Geschichte: die einer schnöde verpassten Liebe.

Was das ausufernde Buch zusammenhält, ist De Winters unnachahmliches Erzähltalent: Noch der kleinste Seitenarm der Geschichte fesselt, sein herrliches Gespür für seelische Abgründe stellt er mehr als einmal unter Beweis, unverblümt und drastisch-saftig werden die erotischen Szenen geschildert, einfühlsam die jüdischen Lebenswelten, eingestreute meisterhafte Miniaturen haben Novellen-Charakter. Selten auch wurde die Zerrissenheit des modernen Menschen so leichthändig dargestellt. [] (DER STANDARD 12./13. Mai 2001)

Leon de Winter, Leo Kaplan. Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers. öS 342,-/EURO24,85/ 546 Seiten. Diogenes, Zürich 2001.

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