"Manchmal mich weine bei die Nacht"

6. Mai 2001, 22:43
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David Sedaris kalauert wieder. Von Christian Schachinger

Nicht nur, dass das Genuschle für Außenstehende so klingt, als ob man die ganze Zeit über sexuell belästigt würde. Man kann auch einem Schüler der französischen Sprache nur schwer klar machen, wieso das mühsam erlernte Wort "Stuhlprobe" nur selten als Antwort taugt. Warum außerdem das Huhn und die Milch nun plötzlich männlich, der Mond aber eine Frau sein sollen, dies führt schließlich auf den Gängen einer Pariser Sprachschule (auch wegen einer sadistischen Lehrerin mit einer Vorliebe für Bleistifte als Folterinstrumente) zu grammatikalisch nicht ganz sattelfesten Dialogen wie folgendem: "Manchmal mich weine alleine bei die Nacht." - "Das ist für mich gewöhnlich auch, aber sein mehr stark, du. Viel Arbeit, und ein Tag man hübsch spricht. Leute bald stoppen einen hassen. Vielleicht morgen, okay?"

Der 1956 geborene David Sedaris, der zu Hause in den USA vor allem als landesweit gesendeter Radiokolumnist Berühmtheit und später als zweitverwertender Schriftsteller Reichtum erlangte, hat es auch diesmal wieder nicht geschafft, einen "richtigen" Roman zu schreiben. Dies hat übrigens nicht nur mit einem ausführlichst beschriebenen, erschütternden Ergebnis eines Intelligenztests zu tun, einer tiefen Abneigung gegen Computer oder generell einer viel zu kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Sedaris macht sich nach den autobiographischen Anekdotenbänden Nackt, Holidays On Ice und Fuselfieber der Bequemlichkeit halber bloß einmal mehr über jene Personen lustig, die ihm am Nächsten stehen, seine Familie. Er zieht vor allem auch über den Menschen her, von dem er schon sein ganzes Leben lang am allerwenigsten hält, sich selbst. Das bedeutet im Falle von David Sedaris Versagen und Missgeschicke ohne Ende. Und für den Leser eine durchaus auch körperlich anstrengende Leseerfahrung. Schließlich fällt das Atmen während Lachanfällen nicht immer leicht.

Der mittlerweile gemeinsam mit seinem Freund der dort frei praktizierten Liebe zum Nikotin wegen in Paris und in der Normandie lebende Kettenraucher beschreibt dieses Mal nicht nur diverse Experimente mit Drogen und unterbezahlte Jobs als Möbelpacker, für die er als Strich in der Landschaft nicht gerade prädestiniert erscheint. Auch seine tragische Rolle bezüglich der Zukunft der US-Literatur als kurzfristiger Creative Writing-Lehrer kommt zur Sprache - die obendrein durch einen veritablen S-Fehler beeinträchtigt und schließlich durch die Job-Offerte beendet wird, als Pizzabote weitaus mehr Geld verdienen zu können. Dass dabei der Witz zwar oft an der Oberfläche bleibt und mehr als einmal unreflektiert rein um der Pointe willen geblödelt wird, hat die Kritik Sedaris spätestens seit seinem Welterfolg von Nackt vorgeworfen. Teilweise völlig zu Recht. Und auch Harry Rowohlt, der angestammte deutsche Übersetzer von Sedaris, warf dieses Mal schon nach der Übertragung der Titelgeschichte des neuen Bandes angewidert das Handtuch - zumal er Sedaris obendrein unterstellt, ganz abgesehen vom Französischen schon mit der Muttersprache seine liebe Not zu haben.

Eines kann man David Sedaris allerdings nicht absprechen, seine Begabung für filmreife Alltagsbeobachtungen. Nicht ohne Grund plant US-Regisseur Wayne Wang (Smoke), Ich ein Tag sprechen hübsch fürs Kino zu adaptieren. Und das mit dem ewig geplanten Roman wird vielleicht auch noch klappen. Glauben versetzt Berge. Anhänger "von die kleine Junge von Gott" wissen das: "Ein Tag er ist gestorben, und dann er geht über meinen Kopf zu leben bei dein Vater. Er nett, der Jesus." []

David Sedaris:
Ich ein Tag sprechen hübsch.
Deutsch von Georg Deggerich und Harry Rowohlt.
öS 285,-/
352 Seiten.
Haffmans Verlag
Zürich, 2001.

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