Ermittlungen gegen drei mutmaßliche NS-Verbrecher in Deutschland

6. Mai 2001, 09:54
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Vermutlich an Übergriffen in Russland und der Slowakei beteiligt

München - 56 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Staatsanwaltschaft München I drei mutmaßlichen NS-Verbrechern auf der Spur. Sie sollen vom November 1942 bis zum Frühjahr 1943 an Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung in Russland und auch der Slowakei beteiligt gewesen sein, bei denen zahlreiche Menschen ermordet wurden, sagte Behördenchef Manfred Wick der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Die Übergriffe hätten sich gegen Dorfbewohner, als Partisanen verdächtigte Personen, aber auch gegen Kinder und Greise gerichtet. "Auch Kranke und Verwundete sollen erschossen worden sein", sagte Wick. "In einem Fall ging es um 70 Personen, die in einer Scheune zusammengetrieben wurden. Durch Anzünden der Scheune wurden diese Menschen dann ermordet."

Die Beschuldigten hätten damals zur deutschen Feldgendarmerie gehört. Das Ermittlungsverfahren sei durch einen Hinweis der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg aufgenommen worden. Diese habe sich dabei auf Informationen aus Stasi-Unterlagen bezogen. Einer der Männer lebt im Raum München.

Bei einem anderen Komplex befänden sich die Strafverfolger noch im Stadium der Vorermittlungen, berichtete Wick. Der Beschuldigte in diesem Fall soll zwischen Oktober 1944 und Mai 1945 an zahlreichen Übergriffen gegen die Zivilbevölkerung in der Mittel- und Westslowakei beteiligt gewesen sein.

Dies werde in einem Haftbefehl der slowakischen Behörden ausgeführt, der nach Deutschland übermittelt wurde. Die Münchner Staatsanwaltschaft habe aus der Slowakei Akten-Kopien angefordert. Von der Auswertung werde es abhängen, ob ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen den Mann eingeleitet werde, sagte Wick.

Folterungen und Erschießungen

Bei diesen Übergriffen wurde nach Informationen aus der Slowakei eine große Anzahl Zivilpersonen gefangen genommen. "Einige davon sollen auch getötet worden sein", sagte Wick. In dem slowakischen Haftbefehl sei auch von Folterungen und Erschießungen die Rede. Der Beschuldigte habe während der Kriegsjahre als Mitglied einer so genannten Abwehrgruppe mit den Deutschen zusammengearbeitet.

Der Mann sei gebürtiger Slowake und habe als vorübergehend Staatenloser Mitte der 90er Jahre die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Angesichts des hohen Alters des 1917 geborenen Mannes habe man die slowakischen Ermittler um rasche Zusendung der Akten-Kopien gebeten, sagte Wick. Seit Absendung dieses Schreibens im September 2000 warte man aber auf den Eingang der Unterlagen.

Vor dem Münchner Schwurgericht läuft zurzeit der Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher Anton Malloth Der heute 89-jährige ehemalige Aufseher im Gestapo-Gefängnis "Kleine Festung Theresienstadt" im heutigen Tschechien soll drei Häftlinge ermordet haben. Die Staatsanwaltschaft München hatte nach neuen Zeugenaussagen Anklage gegen Malloth erhoben. Frühere Ermittlungen in Dortmund waren mangels Beweisen eingestellt worden. (APA/dpa)

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