Die Spucke des Meinungsstalinisten

8. Mai 2001, 09:54
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Max Goldts neue Kolumnen, Betrachtungen, Essays etc.

Früher hatte Max-Goldt-Lesen System. Zum Beispiel konnte man sich den Luxus leisten, nur jede zwölfte Titanic zu kaufen: beinahe in Jahresabstand erschienen die akkurat durchnummerierten Kolumnen 1 bis 108 in hübschen Haffmans-Hardcovers, manche davon sogar mit Michael-Sowa-Gemälde am Umschlag. Das Chaos war allerdings bereits ausgebrochen, als Goldts Titanic-Kolumne zwar offiziell aufgelöst, inoffiziell jedoch weitergeführt wurde. Die monumentale Wucht seiner Lebensbreviers ("Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau", "Die Kugeln in unseren Köpfen" etc.) konnte der Buchleser aufgrund ihrer Übersichtlichkeit und Schubladisierungsqualität geradezu ideal im eigenen Leben unterbringen. Diese Luxuszeiten sind vorbei: Goldt lässt seinen Neuling Der Krapfen auf dem Sims im Alexander Fest Verlag (schönes Cover von "Ott + Stein") erscheinen.

Wohl oder übel muss man respektieren, dass der Autor seine Texte als durcheinandergewürfelte, nicht mehr durchzunummerierende Einzelstücke namens "Betrachtungen, Essays u.a." verkauft. Doch der neue Band ist in mehr als einer Hinsicht ein würdiges Kolumnenbuch der klassischen Reihe - sein vielleicht bestes. Besonders erfreulich ist wieder einmal Goldts Genauigkeit , und dabei vor allem seine reflektierte Wortwahl unter Umgehung von Gemeinplätzen . Konsequenterweise schreibt er trotz BRD-Background auch nicht "die" E-mail, sondern verwendet das sächliche Geschlecht. In den Texten dieses Autors, der eben kein Haupterwerbsliterat ist, zeigt sich mit perfekter Eleganz, wie vorteilhaft der Mangel an jener Verbissenheit ist, die Literatur zum lehrhaften Zeitvertreib für Konsumentinnen von Trockenhauben gemacht hat. Trotzdem regt Goldtlektüre auch Gehirne unter frischeren Haarschöpfen zu Reisen durch die eigenen Lexika an und erfüllt also klassische Bildungsaufgaben. Wo erfährt der gequälte Medienkonsument sonst, dass Jane Goodall und Dian Fossey verschiedene Menschen gewesen sind? Unterhaltsam ist der Streifzug durch das eigene Wohnzimmer immer: "Ich langweile mich nie", gesteht auch der Autor ein, "es sei denn, ich muss an einem unangenehmen Ort auf etwas warten oder ich kann einem unsympathischen Gespräch nicht entrinnen."

Selbst in seinen kokettesten Gedankenspielen biedert er sich nicht beim Publikum an, das erfahrungsgemäß permanent bereit wäre, sich die Oberschenkelhälse matschig zu klopfen. Der Meister der Überleitung tragt gekonnt dick auf, er kann es sich laut eigenen Angaben sogar leisten, Überleitungen verfallen zu lassen "wie einen veganen Brotaufstrich".

Viele Menschen halten Max Goldt für einen Meinungs-Stalinisten (weil sie als Ausübende jener Geschmacklosigkeiten, gegen die er anschreibt, regelmäßig Schuhabdrücke des Deutschen auf ihre Schlipse gestempelt kriegen), die Welt würde jedoch schlagartig besser werden, wenn seine Empfehlungen widerspruchslos befolgt würden. Allerdings nicht jede einzelne! Die eklige Reinigung heimischer Lichtschalter mit selbstproduzierter Spucke sollten wir dankbaren Leser bitte alle noch einmal überdenken. []
(DER STANDARD vom 5./6. Mai 2001)

Von
Martin Amanshauser

Ticketsfür Lesung am 5./6. Juni
Vindobona, Wien

Website Max Goldt

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