"Wer bin ich?"

11. Mai 2001, 12:52
3 Postings

Christian Schachinger rezensiert das neue Album von R.E.M.

Spätestens seit fünf Jahren gilt: Auf jedem Album von R.E.M. findet man mindestens einen Song, der eindeutig nach R.E.M. klingt. Der Rest, seit den Alben Adventures In Lo-Fidelity oder Up! verstärkt traditionelles Songwriting wie noch zu Zeiten von Losing My Religion und Man On The Moon außer Acht lassend und aus fragmentarischen Studien bestehend, wird einzig von Michael Stipes charakteristischer, schneidender Knödelstimme zusammengehalten. Wie ein archetypischer R.E.M.-Song klingt?

Bei angezogenem Tempo, kurz bevor es mit dem vierten Gang auf die Überholspur geht, erklingt die melancholisch zirpende Rickenbacker-Gitarre von Peter Buck über einem tamburin-unterstützten Schlagzeug. Die Stimmung ist nicht ganz mau, aber Moll. Sie signalisiert: Achtung, hier wird gerade Rückschau gehalten! Früher war zwar nicht alles besser, auf jeden Fall aber anders. Möglicherweise waren zum Beispiel nicht nur die Liebe, sondern auch die Sommer weniger verregnet.

Musikalisch wird also seit mittlerweile 1980 bei einem heute nur noch selten eindeutig nach R.E.M. klingenden Song entschieden den US-Folkrockern The Byrds gehuldigt. Diese waren ja trotz aller Freundlichkeit gegenüber den Zeitläuften auch nicht unbedingt jene fröhlichen Hippiekinder, als die sie heute gerne dargestellt werden. Michael Stipe murmelt inzwischen während der Strophen kontemplative poetische Betrachtungen über nur selten verständliche Themenbereiche, die sich vor allem durch eines auszeichnen. Auch rein akustisch betrachtet versteht man nur einzelne Schlagworte. Den ansatzweise vorgegebenen Reim muss sich schon der Hörer selbst machen. Nicht umsonst gelten R.E.M. als die "Rockband des denkenden Mannes": "Lightning storm ... hurricane ... tidal wave ... avalanche of not-afraid ... no one can see me cryin' ..." Dann öffnet sich die Wolkendecke, die Sonne tritt in die Welt - und bei Licht betrachtet werden Texte lesbar. Das Leben verläuft nicht ideal. Weitergehen tut es aber auf jeden Fall. Muss ja. In dulci jubilo. Refrain! "That sugar cane, that tasted good/ That cinnamon, that's Hollywood!"

Im konkreten Fall bei Imitation Of Life, der aktuellen Single des zwölften R.E.M.-Albums, Reveal, die sich nicht nur im Titel an das 1959 in die Kinos gekommene Melodram von Douglas Sirk bezieht. Mit Lana Turner in der Rolle einer vom Ehrgeiz zerfressenen Broadway-Schauspielerin zeigt dieser Film übrigens einen der leblosesten und kältesten Filmcharaktere ever. Er verhandelt neben dem die Protagonistin letztlich zerstörenden Spagat zwischen großen Gefühlen auf der Bühne und kompletter menschlicher Unfähigkeit im täglichen Leben auch die Rassenproblematik anhand der schwarzen Haushälterin der Diva und der (verbotenen) Freundschaft von deren beiden Töchtern.

Ein Themenkreis, der sich jetzt nicht unbedingt konkret auf R.E.M. beziehen mag. Da aber Michael Stipe und seine Band immer schon dazu eingeladen haben, weit schweifenden Werkinterpretationen Tür und Tor zu öffnen, sicher ein interessanter Ansatz, mit Stipe gemeinsam über seine Rolle als öffentliche Person nachzudenken. Michael Stipe ist jetzt 41 Jahre alt und produziert in seiner Freizeit selbst Filme wie etwa Velvet Goldmine oder Being John Malkovich. In beiden geht es exakt um das Problem von Identität. Wer bin ich, wie sehen mich die anderen - und: Wie kann ich von hier - oder aus mir - verschwinden?! "Good morning, how are you, the weather is fine. The sky is blue, it's perfect for a seminar." Der Rest ist diesmal - fragmentarisch, versteht sich - der kühlen Synthesizer-Ästhetik von Stipes britischen Artrock-Freunden von Radiohead verpflichtet und besucht auch ab und zu nachdenklich gestimmte Beach Boys. Eine ideale Sommerplatte für ein Salzkammergut, das von diversen schottischen Tiefs überlagert wird.

R.E.M. - Reveal (Warner). Ab 14. Mai im Handel

(DER STANDARD-RONDO, Print-Ausgabe 4. 5. 2001)

Auch "Reveal", das neue Album von R.E.M., beinhaltet einen Song, der tatsächlich nach R.E.M. klingt. Über Identitätsprobleme und die Beach Boys im Regen

Von Christian Schachinger

R.E.M. Headquarters

Ein paar Kostproben aus dem Album zum Anhören

Inoffizielle Infos und gesammelte Fan-Rezensionen zu "Reveal" bis zur Erschöpfung
Share if you care.