"Internet ist das langweiligste Medium"

6. Mai 2001, 20:35
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Mediendesign zwischen Info- und -tainment: "Online-Design ist der 'Wilde Westen' des Designs"

Bunte Bilder versus Daten und Fakten - der Anspruch, mit Medieninhalten zu informieren und das Publikum zugleich zu unterhalten, muss kein Widerspruch sein. Dieser Standpunkt wurde bei einer Podiumsdiskussion zum Thema "Mediendesign zwischen Info- und -tainment" am Freitagabend in Wien vertreten. Im Rahmen einer Konferenz der deutschsprachigen Sektion der Society for News Design (SND) diskutierten Branchenvertreter und Wissenschafter auf Einladung der APA-Grafikredaktion, welche Trends auf professionelle Mediendesigner in Print und Internet zukommen.

"Keine Polarisierung zwischen Information und Unterhaltung"

Die viel beschworene Polarisierung zwischen Information und Unterhaltung gebe es nicht, erklärte Karl Sierek, Professor für Medienästhetik und -geschichte an der Universtität Jena.

"Merkwürdiger Widerspruch"

Von einem "merkwürdigen Widerspruch" sprach auch der Journalist Jakob Steuerer, der die Themen Computer und neue Medien seit Jahren dem "Presse"-Publikum in der Wochenendbeilage "Spectrum" nahebringt. "Unterhalten und belehren sollten eine Synthese bilden", meinte er. Das Internet sei für ihn "vom Unterhaltungsstandpunkt aus das langweiligste Medium, das wir je gehabt haben", so Steuerers provokante These: Spannende Themen würden nicht adäquat aufbereitet.

"digital story-telling"

Damit bei der Präsentation von Content weder der Informationsgehalt noch der Spaß zu kurz kommen, setzen die Designer immer mehr auf "digital story-telling", hat Sierek beobachtet. Er macht einen "radikalen Trend zu bewegten Bildern" im Internet aus.

derStandard.at: Text im Mittelpunkt

Gerlinde Hinterleitner von derStandard.at konnte dem allerdings nur zum Teil zustimmen. Zu viele Animationselemente können die eigentlichen Informationen vor dem User "verstecken", so ihre Einschätzung. "Für uns steht der Text noch immer im Mittelpunkt." Viele User verfügten außerdem noch gar nicht über die technischen Voraussetzungen, aufwändige Film-Clips betrachten zu können. Dennoch sei das Internet natürlich ein hochgradig visuelles Medium, vor allem in der Präsentation der Texte müssten spezifische Regeln beachtet werden, um den Blick des User zu lenken.

Der "Wilde Westen" des Designs

In diesem Punkt gibt es nach Ansicht von Zeitungsdesigner Rolf Rehe noch gravierende Defizite: "Das Online-Design ist der 'Wilde Westen' des Designs", so sein Urteil. Gerade vom Schriftbild her seien "90 Prozent der Website-Darbietungen katastrophal".

"Mut zum Minimalismus"

Auch Birgit Hämmerle von Austria.com räumte ein, dass man bei den Schriften noch an der Optimierung arbeite. Sie zeigte sich überzeugt, dass nur jene Web-Sites Erfolg haben würden, die "Mut zum Minimalismus, auch auf der Einstiegsseite" beweisen. Vor allem für Portal-Anbieter, die neben den Content-Elementen den Nutzern noch zahlreiche Zusatzservices anbieten, sei dies aber schwierig. Um mit dem Online-Angebot auf Dauer zu punkten, sei aber neben den gestalterischen Aspekten vor allem eines unverzichtbar, so Hämmerles Credo: "Gute Headlines und gute Texte." (APA)

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