Biggs wird zum Wahlkampfthema

8. Mai 2001, 12:08
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Verbrecher wird als Held gefeiert

London - Die Umstände der Rückkehr des britischen Posträubers Ronnie Biggs (71) nach über 35 Jahren auf der Flucht sind am Dienstag in Großbritannien auf scharfe Kritik gestoßen. Die konservative Opposition warf der Labour-Regierung von Premierminister Tony Blair vor, mit der Gefangennahme des "Großen Zugräubers" von ihrem Versagen bei der Kriminalitätsbekämpfung ablenken zu wollen. "Ist dies nicht nur ein gigantischer Wahlkampftrick?" fragte Gerald Howarth, einer der führenden konservativen Innenpolitiker. Es sei ein "seltsamer Zufall", dass Biggs ausgerechnet einen Tag vor der Ankündigung des Datums für die Unterhauswahl eingetroffen sei.

Die Ex-Frau des britischen Posträubers bat unterdessen von Australien aus um Gnade für Biggs. "Ich will nicht, dass er einsam in einer Zelle stirbt", sagte Charmian Brent der in Melbourne erscheinenden australischen Zeitung "Herald Sun". "Er hat das nicht verdient." Mit der heute 61-Jährigen war Biggs 1965 nach seiner spektakulären Flucht aus einem britischen Gefängnis nach Australien gegangen. "Ich dachte, er würde das Ende seiner Tage mit einem kräftigen Schluck Bier in der Sonne verbringen, nicht in einem eisigen britischen Knast."

Biggs, der 1963 mit mindestens 14 Komplizen bei einem Überfall auf einen Postzug 2,6 Millionen Pfund erbeutet hatte, verbrachte am Dienstag im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh in Südost-London seinen ersten vollen Tag hinter Gittern nach der Rückkehr. Im Krankenhausflügel bekam der von drei Schlaganfällen gezeichnete Greis die medizinische Versorgung, die er sich in seinem brasilianischen Exil nicht mehr leisten konnte. Er wartet nun auf die beantragte Wiederaufnahme seines Falles vor einem Berufungsgericht.

Verbrecher wird als Held gefeiert

Auch aus den Reihen der Regierung wurden am Dienstag Vorwürfe laut. Der Labour-Abgeordnete Paul Flynn sagte: "Ich teile den Ärger der Leute über diese Sache. Als Folge dieses Verbrechens ist ein Lokomotivführer gestorben. Und Biggs, der ein Leben im Luxus geführt hat, wird jetzt gefeiert." Besonderen Unmut erregte, dass Außenminister Robin Cook die britische Botschaft in Rio de Janeiro angewiesen hatte, im Schnellverfahren einen Reisepass für Biggs auszustellen.

Ein Teil der Presse vermutete dahinter eine Absprache zwischen der Regierung und dem "Sun"-Verleger Rupert Murdoch, der in den vergangenen Wochen in der Downing Street zu Besuch gewesen war: Als Belohnung dafür, dass die "Sun" Tony Blair im Wahlkampf unterstütze, habe Cook der "Sun" im Fall Biggs geholfen. Die Heimkehr des einst meistgesuchten Mannes Großbritanniens war von dem Massenblatt organisiert worden.

Der britische Presserat will untersuchen, ob die Zeitung dem ehemaligen Chef der Posträuberbande, Bruce Reynolds, und dessen Sohn Nick jeweils umgerechnet 280.000 Schilling (20.348 Euro) gezahlt hat, damit sie Biggs auf dem Rückflug begleiteten. Den Posträuber selbst hat die "Sun" nach Angaben seines langjährigen Anwalts Wellington Mousinho mit umgerechnet (559.581 Euro) zur Rückkehr nach England überredet. I

Die britischen Zeitungen forderten am Dienstag überwiegend ein hartes Vorgehen gegen Biggs. Während sich die "Sun" als "größte Zeitung der Welt" feierte, sprachen die anderen Blätter von einer "Farce" und einem "Zirkus". Der "Mirror" warf Biggs vor, nun auch noch das staatliche Gesundheitssystem ausplündern zu wollen. Die "Daily Mail" berichtete, ein Anwaltsteam wolle die Freilassung des Posträuberd mit Hilfe der europäischen Menschenrechtskonvention erreichen. Demnach sei die 1964 gegen Biggs verhängte Haftstrafe von 30 Jahren viel zu hoch gewesen. Auch labourfreundliche Zeitungen wie der "Independent" verübelten der Regierung ihre Zusammenarbeit mit Biggs und der "Sun". (APA/dpa)

Ronnie Biggs - legendärer britische Posträuber - in Bildern

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LINK:
www.ronniebiggs.com

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