Es brennt!

4. Mai 2001, 21:45
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Das heimliche Branchenblatt für Nobelfeuerstellen aller Art heißt "Architectural Digest"

Von allen Nobel-Prachtmagazinen der Welt, die in ausgedehnten und wohlgestylten Bild- und Textstrecken vorzeigen, wie die Reichen und Schönen zu wohnen pflegen, ist das amerikanische und originale "Architectural Digest" wohl eines der prächtigsten und feinsten und stellt sozusagen die Mutter aller Schöner-Wohnen-Hefte dar.

Die hier in Hochglanz und Farbenpracht abgebildeten, meist in perfekt hergerichteten historischen Gebäuden sich ausbreitenden Wohnlandschaften rauben dem Betrachter regelmäßig schon als Abbild den Atem und beweisen, dass sich rund um den Globus ein geheimnisvolles Netz ziemlich betuchter Leute spinnt, die alle den ziemlich gleichen, üppigen Geschmack in Sachen Amphoren-, Sofa-, Brokatpolster- und Nippesallerlei kultivieren, unter klingelnden Kristallustern Tee und andere Finessen schlürfen, Weintrauben prinzipiell malerisch aus Silberschalen baumeln lassen und Unmengen von Kerzen abbrennen.

Doch abgesehen davon offenbart sich bei investigativer Betrachtung der Bilder zwischen den Seiten eine heimliche gemeinschaftliche Leidenschaft der hier Vorgestellten, und die heißt: im offenen Kamin Tag und Nacht Feuerl machen.

Bevor es nicht im Rücken stolzer Hausbesitzer in irgend welchen Feuerlöchern lodert, scheint kein Fotograf dieser ehrwürdigen Condé-Nast-Publikation sein Arbeitsgerät zücken zu wollen. Kaum irgendwo ein Kamin, in dem es nicht gerade brennt. Auch die aktuelle "Architectural Digest"-Nummer, die uns doch im lauen Frühlingsmonat Mai quer durch die exquisiteren Eigenheime und auch Hotelressorts Afrikas, Europas, Nordamerikas und Asiens geleitet, präsentiert allerlei schwitzende Angehörige der oberen Dreitausend vor Kaminen aller Art. Es fackelt dem Leser zwischen den Hochglanzseiten geradezu entgegen, diesmal insgesamt sage und schreibe gleich zweiunddreißig Mal. Nur vier Kaminfotos prangen auf bezahlten Inseratseiten, was beweist, dass zumindest für die Kaminhändlerzunft offenbar gerade off-season ist.

Dieser allseitige Prasselbrand gibt nun ein interessantes Rätsel auf: Finden Betuchtwohner - die sich übrigens meist in Halbanonymität hüllen, sodass nur eingeweihte Auch-Obere-Dreitausender die wahre Identität erahnen dürfen - mit ihren Heimen nur dann Einlass in die amerikanische Prachtillustrierte, wenn sie darin auch einen ordentlichen beheizbaren Kamin aufzuwarten haben? Oder stellt die offene Feuerstelle eine Art internationales Rauchzeichen dar, das man halt so hat, wenn man schon alles hat? Ein unergründliches Mysterium tut sich hier für die unteren sechs Milliarden auf.

Das Feuer in seiner adrett von Stukkaturen und Marmormeißeleien gebändigten Form, so könnte man frei dahin interpretieren, ist ein letzter Anker der Ursprünglichkeit in den ansonsten von für das Auge wohlverborgenen modernsten Technologien gewärmten Superhäusern. Denn die biedere Billigkaminvariante, die mit von Flackerlämpchen lächerlich hinterglühten Plasikhölzern arbeitet und so mit einer gewissen Plumpheit Realität vorzutäuschen sucht, hat in Architectural-Digest-Objekten selbstverständlich längst ausgedient.

Hier ist, zwischen üppigen Stoffdrapierungen und antiken Chinaporzellanen, beflankt von Gemälden und Tapisserien, das Original angesagt. Auch wenn ansonsten ein trompe l'oeil verführerische Faungärten und inexistente Lustpergolen vorgaukelt: Das Feuer, die Fackel der Wahrhaftigkeit, leuchtet also dem Milliardär gleich wie dem Höhlenmenschen. Irgendwie, irgendwo sind wir ja doch alle Brüder und Schwestern.
(DER STANDARD, ALBUM, 5./6. 5. 2001)

Von
Ute Woltron
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