"Alles riecht nach einem Virus"

4. Mai 2001, 21:30
posten

Ist doch nicht ein Protein der Auslöser von BSE und Creutzfeldt-Jakob?

Wien - "Bei Hirnkrankheiten wie BSE beim Rind oder Creutzfeldt-Jakob bei Menschen ist das Protein PrP sicher wichtig", erklärt Laura Manuelidis (Yale University) dem STANDARD, "aber für mich ist es nicht der Erreger, sondern eine Reaktion auf ihn." "Dass die Erreger Viren sind", ergänzt Heino Diringer (früher beim Deutschen Bundesgesundheitsamt), "habe ich 1985 schon gesagt."

Aber heute will kaum jemand davon hören, eine andere Erklärung für die Krankheiten - "transmissible spongiform encephalities" (TSEs) -, die die Gehirne durchlöchern und Ablagerungen ("Amyloide") hinterlassen, hat sich durchgesetzt, die Prionenhypothese Stanley Prusiners. Sie postuliert, dass das Protein PrP, aus dem die Amyloide gebildet sind, selbst der Erreger ist. Demnach kann sich dieses Protein spontan falsch falten und mit diesem Fehler andere Proteine infizieren.

Obwohl die 1982 formulierte Hypothese unerhört war - alle bekannten Infektionsüberträger bestanden nicht (nur) aus Proteinen, sondern hatten (auch) Nukleinsäuren der Erbinformation -, setzte sie sich rasch durch und brachte Prusiner 1997 den Nobelpreis. "Man kann das gar nicht begreifen", reibt Diringer sich die Augen, "da ist aus einem fehlerhaften Experiment - Prusiner hat durch schlechtes Versuchsdesign die Größe des Erregers falsch bestimmt und daraus auf ein Protein geschlossen - eine Stampede aufgekommen, die enorme Implikationen für Medizin und Politik hat."

Einigkeit zwischen den beiden Seiten herrscht nur darüber, dass PrP selbst zum Entstehen der Krankheiten notwendig ist - Versuchstiere, denen man das entsprechende Gen entfernt, erkranken nicht. Für die Prionenhypothese ist PrP auch hinreichend, für die Virentheorie muss noch etwas dazukommen. "Amyloide wie PrP gibt es viele, etwa bei Alzheimer, aber keines ist infektiös", beginnt Diringer mit einem indirekten Beleg und lässt einen direkten folgen: Man kann PrPs synthetisch herstellen, dann sind sie rein - und verursachen keine Krankheiten.

Umgekehrt werden bei Versuchen mit Prionen aus kranken Gehirnen keine absolut reinen PrPs isoliert, sondern Gehirnteile, die immer auch Nukleinsäuren und andere Proteine enthalten. "Schaltet man mit Chemikalien die Proteine aus, passiert wieder nichts", erklärt Manuelidis und sieht darin noch einen Beleg für ein Virus, das aus Proteinhülle und Nukleinsäuren (DNA oder RNA) besteht: "Auch Größe und Zahl dieser Nukleinsäuren passen - alles riecht nach einem Virus", schließt Manuelidis, "und selbst Prusiner sucht an PrP den geheimnisvollen Auslöser, den er ,Protein x' nennt. Ich nenne ihn ,Virus x'."

Nur gefunden hat man es bisher nicht, darin liegt die Schwäche der Virenhypothese. Diringer und Manuelidis führen das auf die äußeren Umstände zurück - Forschungen und Gelder konzentrieren sich auf PrP - und darauf, dass die Suche nach Viren zeitaufwendig ist. "Denken Sie nur an HIV", mahnt Diringer und kommt auf die weitreichenden Folgen des scheinbar wissenschaftsinternen Streits zurück, "was sich da geändert hat, seit es einen Test gibt."

Diringer hat sich resigniert aus den Auseinandersetzungen zurückgezogen, ist aber doch, wie Manuelidis auch, zu einem hochkarätigst besetzten BSE-Kongress an der Veterinärmedizinischen Universität nach Wien gekommen.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe 5. /6. 5. 2001)

Die Ursachen von Hirnkrankheiten wie BSE beim Rind sind nach wie vor umstritten. Einige Forscher vermuten als Erreger Viren. Laura Manuelidis und Heino Diringer erklären Jürgen Langenbach, warum.
  • Creutzfeldt-Jakob unter dem Mikroskop
    foto: neuropathology

    Creutzfeldt-Jakob unter dem Mikroskop

Share if you care.