Klare Worte Trittins an Tschechien

5. Mai 2001, 14:56
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Deutscher Umweltminister fordert nach Pannenserie in Temelin Ende der Planungen

Passau - Klare Worte an die Tschechische Republik im Zusammenhang mit dem umstrittenen Atomkraftwerk Temelin hat der deutsche Umweltminister Jürgen Trittin am Freitag Abend bei einer Diskussion in Passau gerichtet. Trittin verwies auf einen Beschluss der Regierung in Prag, Temelin nicht zu Ende zu bauen, wenn der Kosten- und Zeitrahmen nicht eingehalten werden könnten. Das sei jetzt durch die vielen Pannen in Temelin der Fall. Trittin an Tschechien: "Beenden Sie daher die Planung in Temelin und ersparen Sie sich viel Geld und der Bevölkerung auch in Österreich ein Leben mit dem Risiko".

Die Diskussion wurde von der "Passauer Neuen Presse" veranstaltet. Rund 700 Teilnehmer, darunter viele Atomgegner aus Bayern und Österreich, waren in das Medienzentrum Passau gekommen.

Umweltminister Trittin als erster Podiumsredner verwies einleitend darauf, dass das AKW Temelin auch wirtschaftlich und unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten überflüssig sei. Tschechien produziere heute schon mehr Strom, als es verbrauche und müsse diesen zu Dumpingpreisen verkaufen. "Die Errichtung von zwei Gaskraftwerken wäre billiger als die Fertigstellung von Temelin", meinte Trittin. Er wiederholte auch die Feststellung, dass die Anlage nach deutschem Recht und auf Grundlage der Analysen von deutschen Experten nicht genehmigungsfähig wäre. Temelin erreiche nicht die Anforderungen an ein durchschnittliches westliches Sicherheitsniveau.

Auf die Frage, ob es seiner Ansicht nach einen Weg geben würde, das AKW Temelin noch zu verhinder, verwies Trittin wieder auf den wirtschaftlichen Aspekt. Tschechien sei auf die Stromexporte angewiesen, Deutschland hingegen auf Importe bei Strom. Trittin: "Was spricht dagegen, dass deutsche Stromkonzerne keinen Strom importieren, so lange in Tschechien ein Kraftwerk betrieben wird, das nicht mit unseren Sicherheitsvorstellungen übereinstimmt?"

Der bayrische Umweltminister Werner Schnappauf betonte bei der Diskussion, Temelin dürfe nicht in Betrieb gehen, so lange nicht westliche Sicherheitsstandards garantiert seien. Diese Sicherheitsstandards müssten eingehalten werden, ehe Tschechien der EU beitreten könne. Generell müssten innerhalb der EU Mindeststandards für die Sicherheit von Atomkraftwerken festgelegt werden, diese Standards gebe es bedauerlicherweise bis jetzt nicht, sagte Schnappauf.

E.ON-Vertreter: Kein Nutzen aus Temelin

Bei der Diskussion in Passau war auch der Marketing-Vorstand des bayrischen Stromkonzerns E.ON-Bayern Werke, Bernhard Reutenberg, anwesend. Er betonte, dass sein Konzern keinen direkten Nutzen davon haben würde, wenn Temelin ans Netz geht. Die Aussage wurde von den Atomgegnern mit Buh-Rufen quittiert. Reutenberg erläuterte, dass E.ON weder am tschechischen Stromkonzern CEZ - dem Betreiber von Temelin - noch am AKW Temelin selbst beteiligt sei. Es bestehe allerdings eine Lieferbeziehung zwischen E.ON und CEZ seit zehn Jahren.

Heute beziehe die E.ON von der CEZ 1,5 Prozent ihres gesamten Stromabsatzes. Dies sei ein vergleichsweise geringer Anteil. Dieser Strombezug aus Tschechien erfolge über eine einzige Leitung, die voll ausgelastet sei. "Wenn Temelin ans Netz geht, dann können wir gar nicht mehr Strom nach Bayern importieren, das ist technisch gar nicht möglich", sagte Reutenberg.

Bayrische Atomgegner berichteten von einem von ihnen eingeleiteten Bürgerbegehren, dem zufolge kommunale Stromversorger in Bayern von E.ON so lange keinen Strom abnehmen sollen, so lange das Unternehmen Lieferbeziehungen mit CEZ unterhalte. Der Sprecher einer Plattform gegen Atomgefahren in Bayern fasste die Bedenken gegen das südböhmische AKW in der Formulierung zusammen: "Wer Tschernobyl verstanden hat, der kann zu Temelin nicht schweigen". (APA)

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