Forschung ignoriert grundlegende soziologische Faktoren

14. Mai 2001, 15:40
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Beispiel: 80 Prozent aller Firmen sind Familienunternehmen

Wien - Fast 80 Prozent aller Unternehmen sind Familienunternehmen im weitesten Sinn, mehr als die Hälfte der Exporte in die USA wird von diesen Unternehmen getragen und dennoch fehlt es an allen Universitäten und Hochschulen an Instituten, die sich mit der Grundlagenforschung dieser Unternehmensstrukturen beschäftigen. Das erklärte Fritz Simon, Psychiater und Psychoanalytiker an der Universität von Heidelberg.

"Wer bei Familienunternehmen an verbrannte Milch und gestopfte Strümpfe denkt, muss Familienunternehmen für langweilig halten. Die Grundlagenforschung sieht Familienunternehmen als eine Art des Business, bei dem persönliche Bindungen die Grundlage für das Geschäft bilden", so Simon. Damit unterscheide sich diese Form des Unternehmens auch eindeutig von funktionsbezogenen Unternehmen, die rein auf professionellen Beziehungen aufgebaut sind.

Keine Austauschbarkeit

"Ein wesentlicher Bestandteil von Familienunternehmen ist die Tatsache, dass das Prinzip der Austauschbarkeit nicht vorhanden ist und die Toleranzgrenze hoch angesetzt ist und auch nicht leistungsbezogen ist", so der Psychoanalytiker. Im Zentrum stehe eine emotionale Beziehung, die Kreativität als Muse sehe und den Terminus "man müsste" realiter als "jeder tut, was er kann" ersetze. "Die Grundlage des Familienunternehmens ist manchmal eine erotische Beziehung." Damit ist es das erfolgversprechendste aber auch die risikoreichste Unternehmensform.

Unternehmen wie der Computer-Konzern Hewlett-Packard und die Internet-Plattform Yahoo sind als typische Familienunternehmen entstanden. "Denn auch eine Handvoll Freunde ist in diesem Sinne eine Familie. Allerdings sorgt dann später, wie bei traditionellen Familienunternehmen, das Kapital der Firma für die Bindung", so Simon, der die Garage, in der Hewlett-Packard gegründet wurde, als einziges Kulturdenkmal Kaliforniens bezeichnet.

Suche nach dem weisen Onkel

Dass Unternehmensgründer nicht notwendigerweise finanzielle Hintergründe für die Gründung ihres Business sehen müssen, werde am Beispiel der Yahoo-Gründer Jerry Yang und David Filo deutlich. Die Plattform wurde von den zwei Studienkollegen der Stanford University "just for fun" gegründet. Yang habe irgendwann, als die Plattform immer größer geworden ist, gesagt, dass er nun Hilfe von einem "adult supervisor" brauche, berichtet Simon.

Die Spielregeln des Familienunternehmens seien aber sehr komplex, da verschiedene Elemente gemeinsam wirken. Dazu zähle auch der Grundsatz, dass gemeinsamer Besitz tiefere emotionale Bindungen schaffe als Liebe. Sehr schwierig seien insbesondere Unternehmen, bei denen keine eindeutigen Machtstrukturen festgelegt sind. "Dabei entstehen sehr leicht Streitigkeiten, die häufig vor Gericht ausgefochten werden." Eine reine Zweierbeziehung hingegen regle sich im rechtsfreien Raum. (pte)

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