Franz Josephs blutige Rache

4. Mai 2001, 20:28
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Die Wiener Revolution war längst niedergeschlagen, aber noch immer leistete Ungarn Widerstand. Kossuths Revolutionsregierung sagte sich von Habsburg los - erst mit Russlands Hilfe kam ihr Ende.

Nachdem das ungarische Heer, das - zu spät und nur halbherzig - dem aufständischen Wien zu Hilfe gekommen war, am 30. Oktober 1848 bei Schwechat zum Rückzug gezwungen worden und Wien in die Hand von Windischgrätz und Jellacic gefallen war, schien auch das Ende der ungarischen Revolution nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber es sollte anders kommen. Der Widerstand der Magyaren hatte einen regelrechten österreichisch-ungarischen Krieg zur Folge.

Nach der Eroberung Wiens richtete Windischgrätz ein mit 14 Tagen befristetes Ultimatum an die ungarische Armee, die Waffen niederzulegen. "Ludwig Kossuth und die Genossen des durch ihn angezettelten Aufruhres" wurden zu Hoch- und Landesverrätern erklärt, wer ihnen weiter gehorchte mit strengsten Strafen bedroht. Der Reichstag berief sich dagegen auf das ungarische Staatsrecht, nach welchem die Abdankung Ferdinands nicht für die ungarische Krone gelten konnte; ohne Zustimmung der Nation dürfe sich zu Lebzeiten des rechtmäßigen Königs niemand königliche Rechte anmaßen.

Daraufhin begannen Mitte Dezember die Kriegsoperationen gegen Ungarn. Windischgrätz rückte in Bratislava ein, Jellacic eroberte Wieselburg/Moson. Im Süden verdrängten die rebellierenden Serben die ungarischen Truppen aus Banat und Batschka. Zwar konnte der polnische General Josef Bem, dem gelungen war, aus Wien zu flüchten, als Oberbefehlshaber in Siebenbürgen diesen Reichsteil halten, doch entwickelte sich später hier ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den magyarischen Szeklern auf der einen und dem Landsturm der unterdrückten Rumänen und der Siebenbürger Sachsen auf der anderen Seite. Windischgrätz rückte gegen Budapest vor, die Ungarn verlegten den Reichstag am 5. Jänner 1849 nach Debreczin, und schon schien ihre Sache verloren.

Aber Windischgrätz nutzte seine Erfolge nach der Eroberung von Budapest nicht weiter, er wartete darauf, dass ihn der Hof zum Oberbefehlshaber der gesamten Armee ernennen würde (was eine Brüskierung des bei den Soldaten beliebten greisen Radetzky bedeutet hätte), baute die Verwaltung in den von ihm nun besetzten Gebieten westlich der Donau aus und spann Fäden zum ungarischen Hochadel, der der Revolution ohnedies mit Misstrauen gegenüberstand.

Ministerpräsident Schwarzenberg verfolgte indes mit Energie sein Ziel, die Habsburgermonarchie zu einem zentralistischen Einheitsstaat umzuformen. Die "oktroyierte Verfassung" vom 4. März 1849 gliederte das Königreich Kroatien-Slawonien und das Großfürstentum Siebenbürgen aus dem ungarischen Staatsverband aus, gab der "Serbischen Woiwodschaft" Sonderrechte und erklärte die Sprachen aller Nationalitäten für gleichberechtigt.

Die Absicht, die magyarische Vorherrschaft zu beenden, stärkte den ungarischen Widerstand. Die ungarische Armee wurde unter dem neuen Oberbefehlshaber Artúr Görgey, dem die Eroberung der Festung Komorn gelungen war, reorganisiert, Honvéd-Truppen wurden aus dem Boden gestampft, und schließlich wurden die Honvéds, zunächst eine Landwehr, mit der Armee vereinigt. Kossuth schaffte es, die innere Lage zu stabilisieren. Mit Papiergeld - den Kossuth-Banknoten - gelang es, die Wirtschaft intakt zu halten (sogar Windischgrätz akzeptierte dieses Geld im besetzten Teil), die Versorgung der Streitmacht mit Kleidung, Lebensmitteln und Kriegsmaterial war gut. Weniger zufrieden waren allerdings die kleinen Bauern, die zwar endgültig aus der Leibeigenschaft entlassen worden waren, aber noch immer gewisse Frondienste leisten mussten.

Im Frühjahr 1849 fühlte sich die ungarische Armee stark genug, zum Gegenangriff überzugehen. Görgey und Bem errangen im April etliche Siege über die kaiserlichen Truppen, und am 24. April räumten die Österreicher Pest, die Besatzung der Festung Ofen/Buda wurde eingeschlossen. Die militärischen Erfolge verleiteten den ungarischen Reichstag, einem Antrag Kossuths zuzustimmen, der die Dynastie Habsburg-Lothringen für abgesetzt und Ungarn mit all seinen Nebenländern zum souveränen Staat erklärte. Kossuth wurde in der Folge zum Reichsverweser mit diktatorischen Vollmachten ernannt.

Schwarzenberg blieb nicht untätig. Er spann seine diplomatischen Fäden zum Zarenhof. Der russische Kaiser Nikolaus I. musste fürchten, dass ein Erfolg der ungarischen Insurgenten auch Polen zu neuen Aufständen beflügeln würde. Er willigte bereitwillig ein, den Österreichern mit Truppenmacht zu Hilfe zu kommen. Am 12. Mai verkündete Kaiser Franz Josef in einer Proklamation "An die Völker Ungarns" das Bündnis mit Russland, am 21. Mai - dem Tag, da die Ungarn auch Ofen eroberten - traf er sich mit Nikolaus in Warschau. Anstelle des abberufenen Windischgrätz wurde Julius Freiherr von Haynau, der schon in Italien mit brutaler Härte vorgegangen war, zum neuen Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee berufen.

Die nun gegen Ungarn von allen Seiten in Marsch gesetzte Streitmacht der Verbündeten betrug 275.000 Mann, die Ungarn hatten dagegen nur 135.000 Mann aufzubieten. Die russische Hauptarmee unter General Paskewitsch, allein schon 100.000 Mann stark, fiel von Galizien in Ungarn ein, in Siebenbürgen wurde Bem zurückgedrängt, Haynau vertrieb Anfang Juli die Regierung aus Budapest und überschritt schließlich die Theiß bei Temesvar. Kossuth musste sich nach Arad zurückziehen, dort legte er am 11. August die Leitung der Regierung nieder und zwei Tage später kapitulierte die ungarische Hauptarmee bei Világos nicht vor den in der Nähe stehenden Truppen Haynaus, sondern vor den Russen - ein letzter Triumph der stolzen Magyaren, die zu verstehen geben wollten, dass sie nur der russischen Übermacht hatten weichen müssen.

Der wütende Haynau bekam vom Hof zunächst freie Hand für maßlose Vergeltungsmaßnahmen. In Arad wurden auf seinen Befehl 13 Generäle durch den Strang oder - gnadenhalber - durch Erschießen hingerichtet; lediglich das Todesurteil über Görgey musste auf russische Intervention hin ausgesetzt werden. Im ganzen Land wüteten die österreichischen Gerichte gegen treulose Offiziere und Beamte, Hunderte starben, Tausende wurden eingekerkert und Zehntausende Degradierte wurden in entlegene Garnisonen des Reiches abgeschoben. Am 6. Oktober 1849 wurde auch Graf Ludwig Batthyány, von März bis September 1848 Präsident der Revolutionsregierung, hingerichtet, obwohl er stets ein Mann der Mäßigung gewesen war. Haynau wurde schließlich abberufen, doch seine Blutjustiz belastete noch jahrelang das Verhältnis zu Ungarn.

Kossuth, nachdem er die Reichskleinodien bei Orsova vergraben hatte, und Bem gelang die Flucht in die Türkei. Kossuth führte ein unstetes Leben zwischen England und Amerika und hielt in Emigrantenzirkeln an seinen nationalrevolutionären Idealen fest. Nach dem "Ausgleich" von 1867 amnestiert und in den ungarischen Reichstag gewählt, lehnte er die Rückkehr in die Heimat ab, weil er nicht den Abgeordneteneid auf das Staatsgrundgesetz leisten wollte. Erst nach seinem Tod in Turin (1894) wurde sein Leichnam heimgeholt und feierlich beigesetzt.

Der zweite Revolutionsheld, dem die Ungarn ein bleibendes Gedenken bewahren, war der Nationaldichter Sándor Petöfi, der als Kämpfer in der Honvédarmee Bems am letzten Julitag 1849 im Gefecht bei Schäßburg zum letzten Mal gesehen worden und vermutlich in einem Massengrab bestattet worden ist.(DER STANDARD-ALBUM, Print-Ausgabe 5. /6. 5. 2001)

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