Mazedonien: Der Auftakt

4. Mai 2001, 21:41
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Was derzeit in Mazedonien unter dem Motto "Säuberungsaktion" abläuft, ist eher der Startschuss zu einem neuen, blutigen Bürgerkrieg, der wahrscheinlich zum Zerfall des Kleinstaates auf dem Balkan führen wird. Das knallharte Vorgehen gegen albanische Rebellen, zu dem sich die Regierung in Skopje entschlossen hat, macht Friedensverhandlungen unmöglich: Wieder wird ein lange Zeit schwelender Konflikt, bei dem die Schuld auf beide Seiten gerecht verteilt ist, nach der Logik der Militärs gelöst werden.

Es ist unbestritten, dass die slawischen Mazedonier ihre albanischen Landsleute, die mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, jahrzehntelang brutal unterdrückt und rechtlos gehalten haben. Ebenso unstrittig ist aber auch, dass albanische Extremisten mit terroristischen Mitteln den Konflikt um Gleichberechtigung erst so richtig anheizten und die albanische Zivilbevölkerung in Geiselhaft nahmen. Was die Sache jetzt so traurig macht, ist die Tatsache, dass sich nach all den Kriegen auf dem Balkan niemand vor einem neuen Blutvergießen zu fürchten scheint. Sehenden Auges marschiert ein Land in den Untergang - ein Krieg wird nicht verhindert, weil niemand daran glaubt, den Krieg noch verhindern zu können.

Was macht der Westen? Er verhält sich wie jemand, der aus dem zehnten Stock stürzt und in Höhe der zweiten Etage beteuert, es sei ja bis jetzt noch kein Unglück geschehen. Der Westen hätte etliche Möglichkeiten gehabt, vermittelnd und mäßigend einzugreifen, Terroristen und Ultranationalisten zu isolieren, doch diese Gelegenheiten verstrichen ungenützt.

Es ist erschreckend, wie wenig für das bitterarme Land getan wurde, wie verloren und hilflos alle diplomatischen Kapazunder vor dem Problem Mazedonien standen. Diese Untätigkeit rächt sich nun. Europa kann sich aber zumindest schon einmal auf neue Flüchtlingswellen vom Balkan einstellen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2001)

von Gerhard Plott
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