Guido Westerwelle, neuer Chef der FDP

4. Mai 2001, 21:46
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Ein Politpopstar, der Auftritte in Szene setzt

Er gilt als der Popstar der deutschen Politik: Guido Westerwelle inszeniert seine Auftritte und feilt an seinen Botschaften. Vor einer Pressekonferenz oder einer Diskussion setzt er sich hin, schließt die Augen und memoriert seine zentralen Aussagen, die er "rüberbringen" will. Seine Prämisse: kurze Sätze, keine Fremdwörter und möglichst in einer fernsehgerechten Länge von 20 Sekunden.

Westerwelle verkörpert die Medien- und Spaßgesellschaft wie kein anderer auf dem politischen Parkett. Er hockt sich, Bier aus der Flasche trinkend, sogar in den "Big Brother"-Container und setzt sich auf die Couch des Komikers Stefan Raab. Seine oberste Devise: Hauptsache, eine Kamera ist dabei. Der dem Populismus nicht abgeneigte PR-Profi ist zugleich der deutsche Politiker mit den häufigsten Auftritten in TV-Talkshows.

In den Medien war der bisherige FDP-Generalsekretär längst die Nummer eins bei den Liberalen, formal ist er es seit seiner Wahl zum Parteichef am Freitag. Mit einem Ergebnis von 89,3 Prozent wurde er auf dem Parteitag in Düsseldorf gewählt. Nun folgt für den 39-Jährigen, der der jüngste Parteichef in der Geschichte der Bundesrepublik ist, seine bisher schwerste Aufgabe. Er soll verschiedene Strömungen der Partei integrieren, die FDP für jüngere Wähler attraktiv machen, sie in Ostdeutschland verankern, von ihrem Image als wirtschaftsorientierte Klientelpartei befreien und zu einer Volkspartei machen. Dabei sind nicht nur Ver- kaufs-, sondern auch Moderationsfähigkeiten gefragt. Zugute kommen wird ihm dabei, dass er selbst keinem Flügel zugeordnet werden kann.

Am Sessel gesägt

Als Gründer und Vorsitzender der Jungliberalen Anfang der Achtzigerjahre hat Westerwelle Führungsqualitäten gezeigt. Seit seinem Einzug ins Generalsekretariat 1994 sägte Westerwelle mehr oder weniger offen am Sessel des als farblos beschriebenen Parteichefs Wolfgang Gerhardt.

Der promovierte Jurist profilierte sich auch, indem er für einen deutschen Politiker relativ viel von seinem Privatleben preisgab: dass er seinen Vater, der ihn und seine drei Brüder allein großgezogen hat und bei dem der Junggeselle noch immer wohnt, Heinrich ruft. Dass er kunstsinnig ist, bei der Ausstrahlung von "Sissi"-Filmen heult und sich gerne bei Kerzenschein in die Badewanne legt. Befürchtungen, dass er sich als Parteichef weitgehend selbst inszeniert, versuchte Westerwelle deshalb auf dem Düsseldorfer Parteitag vor seiner Wahl zu zerstreuen: "Ich bemühe mich um Substanz", versprach er den Delegierten.

Von Bundeskanzler Gerhard Schröder wird er als Konkurrent ernst genommen - zumindest in Modefragen. Seit Jahren gilt Westerwelle als der am besten gekleidete Politiker der Bundesrepublik, was Schröder, der bereits mit Brioni-Anzügen Modell gestanden ist, mächtig wurmt.
(Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. Mai 2001)

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