Wüstensand zum Frühstück

6. Mai 2001, 14:05
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Die amerikanische Blues-Erneuerin Sandy Dillon gastiert in Wien

Wien - Früher einmal, als Menschen bei Erwähnung der Worte "ohne" und "Maulkorb" nicht automatisch an eine Kampfhunde-Debatte dachten, vor sehr langer Zeit also, wäre Sandy Dillon ziemlich sicher als "Rockröhre" bezeichnet worden. Dieses Unwort strapazierte eine meist männliche Kritik immer dann, wenn eine Frau über eine Stimme verfügte, die einen nicht an Elfen oder Engerln denken ließ: Von Marianne Faithfull bis zur geföhnten Bonnie "It's A Heartache" Tyler, von Janis Joplin bis Gianna Nannini fand das Röhrenwort Verwendung.

Auf die in England lebende Amerikanerin Sandy Dillon würde vor allem aber auch das Wort "Rock" nicht zutreffen. Dillon bewegt sich nämlich auf einem Terrain, das man grob als neuzeitlichen Blues beschreiben könnte. Bezugssystem gefällig? Gerne: Tom Waits, PJ Harvey, Stump-whoopt (ja ja, die kennt jetzt wieder niemand) oder auch 16 Horsepower.

Künstler also, die nicht gerade dafür bekannt sind, dass sie sich die Jeans bügeln, sondern die für eine Tradition stehen, die aus dem amerikanischen Süden stammt: der Sumpf, die Bibel, der Inzest. Diese Abteilung.

Dillon definiert derlei Thematik auf ihrem eben erschienen Album East Overshoe äußerst präzise. Wobei präzise natürlich für wackelig und polternd steht und sich eher nicht an so starren Dingen wie einem Notensystem festmachen lässt.

Percussions ist zum Beispiel alles, auf dem sich herum klopfen lässt: leere Flaschen, die Gitarre, rostige Matratzenfedern. Und auch sonst übernehmen bei Dillon jene Instrumente Hauptrollen, die häufig in der Volksmusik vorkommen, weil die ja auch eine gewisse Unschärfe aufweist und eben aus dieser "Schlampigkeit" ihren Charme und ihre Identität bezieht: Quetsche, Banjo, Bouzouki. Zu all dem erhebt Dillon ihre Stimme, und die klingt tatsächlich, als hätte sie grobkörnigen Sand gefrühstückt und mit Whiskey gegurgelt. Also ziemlich super, wenn auch stellenweise ein wenig anstrengend. Zusammen mit ihrer Band gibt Dillon am Sonntag ihre Österreichpremiere.

Im Vorprogramm ist der musikalisch ähnlich orientierte Falter-Musikautor Walter Pontis zu sehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 5. 2001)

Von
Karl Fluch

Sandy Dillon live:
6. 5.,
Szene Wien,
Hauffg. 26,
749 33 41.
20.00
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