Nichts, was der Fall ist

4. Mai 2001, 20:07
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Dramatisierungs- Beschwerden: Knut Boeser adaptierte Márais "Glut" fürs Theater

Wien - Es ist vorhersehbar: Wenn Frank Castorf bei den heurigen Festwochen seine zweite Dostojewski-Dramatisierung vorlegen wird, werden die Emotionen hochgehen. Wieder wird - nach den Dämonen von vor zwei Jahren - ein Wälzer des russischen Großmeisters (Die Erniedrigten und die Beleidigten) über die Bühne gehen - und die Verlustmasse wird nach (all)gemeinem Dafürhalten groß sein. Wo bleibt, bitte, diese oder jene Figur, was wurde aus der epischen Breite, aus dem philosophischen Untergrund des Romans?

So viel ist sicher: Auf der Bühne - erst recht auf Castorfs brodelnder Volksbühne - herrschen andere Gesetze als in Romanen des 19. Jahrhunderts. Was also lässt sich durch solcherlei Dramatisierungen gewinnen?

Gar nichts, sagt denn der populäre Berliner Film-, Roman- und Theaterautor Knut Boeser, dessen Version von Sándor Márais Roman Glut ab Sonntag unter der Regie Michael Gruners im Volkstheater zu sehen sein wird: "Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, Dostojewski auf die Bühne zu bringen."

Stücke gebe es genauso viele wie erfahrungshungrige Zuschauer im Parkett. Die vielen artfremden Stoffe, die allerorten auf die Theater gepackt werden, zeigen für den Bestsellerautor (Nostradamus) und Verfasser von über 100 Filmdrehbüchern (Er erfand auch Rosa Roth und das Schlosshotel Orth) nur eines: "Wir haben es heute mit einer weit verbreiteten Angst vor den großen Stoffen zu tun. Autoren wissen nicht mehr, wie man die Fragen der Zeit in eine Geschichte bekommt."

Warum er dann allerdings selbst einen Roman für das Theater adaptierte, erklärt Boeser denkbar einfach: "Dramatisiert man Sándor Márais Glut, dann hat man es mit einer Gewinnmasse zu tun. Der Roman selbst ist nämlich ein Stück. Dieser wiederentdeckte Text ist kein Monolog eines alten Mannes mit seinem Freund, der ihn betrogen hat, sondern ein Dialog zwischen einem Redenden und einem beredt Schweigenden. Eine höchst dramatische Konstellation."

Überhaupt ist es die wiedererwachte Sehnsucht nach den "großen Fragen", die Boeser neu für das Theater hoffen lässt: "Dass sich in Deutschland gerade eine Ethikkommission konstituiert hat, zeigt doch, wie groß das Bedürfnis nach Fragen der Moral ist."

Sándor Márai stelle diese Fragen, aber dass er dabei von manchen Rezensenten als "altmodischer" Schriftsteller hingestellt wird, lässt Boeser, der Worte wie "Spaßgesellschaft" und "Big Brother" mit wonnigem Ekel in den Mund nimmt, kalt. "Die männerbündlerischen Seiten von Glut haben mich nicht interessiert; den Décadence-Sumpf habe ich trockengelegt." Damit müsse man sich nicht mehr abgeben.

Nach zehn Jahren Bühnenabstinenz hegt der vormalige Intendant des Berliner Renaissancetheaters jetzt allerdings einen - durch den Rollback des Theater-Wortes angestachelten - Traum: das Theater als Ort der Sinnsuche. Einen Naturalismus, wie ihn die Berliner Schaubühne pflegt ("Das ist alles unheimlich betulich") müsse man dabei aber über Bord werfen. "Theater darf nicht verdoppeln, was der Fall ist. Es muss analysieren und Perspektiven hegen." Zumindest bei letzteren Worten könnte er sich - rein theoretisch gesehen - vielleicht sogar mit Frank Castorf arrangieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6. 5. 2001)

Von
Stephan Hilpold

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