BSE - Heilungsmöglichkeiten für Prionenkrankheiten "nicht utopisch"

4. Mai 2001, 15:11
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Neue Perspektiven und neue Erkenntnisse zur Entstehung der Krankheit

Wien - Die schlechte Nachricht: Eine Heilung von Prionenerkrankungen wie BSE beim Rind, Scrapie beim Schaf oder Creutzfeldt-Jakob beim Menschen steht nicht vor der Tür. Die gute Nachricht: Sie scheint aber "nicht utopisch", wie der Londoner Prionenforscher Charles Weissmann heute, Freitag, bei einem zweitägigen höchstkarätig besetzten Seminar an der Wiener veterinärmedizinischen Universität sagte.

Das Thema der nicht öffentlichen Veranstaltung lautet "BSE - Wahnsinn und Wirklichkeit", die von der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina organisiert wurde. Weissmann gab diese nicht unoptimistische Einschätzung vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse zur Entstehung der Krankheit, die eben auch zu neuen Perspektiven bei einer etwaigen Therapie führen könnten.

Der Kern des Problems: Bisher war allgemein davon ausgegangen worden, dass sich die Fehlentwicklung des Prionen-Protein aus seiner normalen Form entsteht, die jeder besitzt. Nun aber gewinnt die so genannte Keimbildungstheorie immer mehr an Plausibilität. Das normale und das krankhafte, so genannte Scrapie-Protein, könnten von Haus aus nebeneinander bestehen.

Weissmann zufolge müssen nach dieser Theorie die Scrapie-Proteine an bestimmten Stellen in gewissen Konzentrationen auftreten, damit sich ein Keim bildet, der irgendwann zum Ausbruch der Erkrankung führt. "Der Grund, dass wir nicht alle sofort erkranken, ist, dass die Konzentration so gering ist, dass es nicht zur Keimbildung kommt", sagte der Londoner.

Das Team um Weissmann ging in Versuchen mit Mäusen andere Wege: Sie beraubten diese Nager genetisch des normalen Prionen-Proteins und pflanzten ihnen dann das Scrapie-Eiweiß ein. Einerseits führten die Mäuse trotz der gentechnischen Veränderung ein ganz normales Leben - was man zuvor nicht für möglich gehalten hatte -, andererseits blieb das krankhafte Eiweiß bei den Tieren ohne jede Wirkung.

Weissmann: "Es wäre wohl zu aufwändig, alle Rinderherden dieses Proteins zu berauben. Aber das könnte pharmazeutische Bedeutung haben, da ja Produkte der Wiederkäuer breite Verwendung finden." Man könnte nach dem Wissenschafter durchaus die zu pharmazeutischen Zwecken gedachten Herden "umrüsten".

Mit einer Hemmung der Protein-Synthese an sich könnte aber die Krankheit heilbar werden. Das wiederum "könnte realisierbar sein", sagte Weissmann.

Vorangetrieben wurde auch die Spezifikation der vCJD - also jener Creutzfeldt-Jakob-Variante, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von BSE-infizierten Rindern auf den Menschen übertragen wird. Im Unterschied zur "normalen", sehr selten auftretenden und durch Hormone oder im Zuge von Gewebstransplantationen - etwa Hirnhaut - übertragenen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit finden sich bei der vCJD die krankhaften Prionen auch im lymphatischen System - das bedeutet, dass auch das Immunsystem eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Der in Basel tätige Pathologe Michael Klein hat herausgefunden, dass mit einem gezielten Eingriff in das Immunsystem die Prionenerkrankung in den Griff zu bekommen wäre. Die genaue Lokalisierung der Prionen hat - so der Forscher - dennoch ausschließlich diagnostische Bedeutung, da bei einer Veränderung des Immunsystems wohl jeder Schnupfen zu einem Problem würde.

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