Berlusconi wegen Verfahren unter Druck

4. Mai 2001, 14:50
posten

Oppositionschef steht im Bann seiner Vergangenheit

Rom - Italiens oppositionelle Mitte-Rechts-Allianz sieht sich dieser Tage gezwungen, ihren Chef Silvio Berlusconi zu verteidigen, der im Wahlkampf von mehreren Seiten wegen seiner teilweise undurchsichtigen Vergangenheit stark unter Druck geraten ist. Für Eklat sorgte vor Kurzem ein ausführlicher Bericht des britischen Wochenmagazins "The Economist", in dem Berlusconi als "ungeeignet" bezeichnet wird, die Führung des Landes zu übernehmen.

Berlusconis Strategien zum Aufbau und zur Konsolidierung seines TV-Imperiums stehen im Mittelpunkt mehrerer Prozesse, die gegen Berlusconi geführt werden. Hier eine Zusammenfassung der noch anhängigen Verfahren gegen den Medienfürsten:

All Iberian bis: Über die Berlusconi gehörende Gesellschaft "All Iberian", die laut den Ermittlern die "Schatzkammer" der Fininvest im Ausland war, sollen Schmiergelder in Milliardenhöhe an die in den 80er-Jahren sehr einflussreiche Sozialistische Partei geflossen sein. Berlusconi muss illegale Transaktionen erklären, die in den Bilanzbüchern der Fininvest nicht aufzufinden sind. Dem Oppositionschef wird Bilanzfälschung vorgeworfen. Der Prozess, der wegen Formfehlern wiederholt werden musste, wird am 7. Mai neu begonnen.

Römische Richter: Berlusconi und sein Ex-Rechtsanwalt Cesare Previti sollen einflussreiche römische Richter bestochen haben, um den Verkauf des staatlichen Nahrungsmittelkonzerns SME an den Finanzmann Carlo De Benedetti - Mitte der 80-er Jahre Berlusconis schärfster Gegner - zu stoppen. Berlusconi wird Korruption und Bilanzfälschung vorgeworfen. Der Prozess ist noch im Gange.

Verlag Mondadori: Der Medien-Tycoon wird von den Mailänder Richtern beschuldigt, beim Rechtsstreit mit Olivetti-Chef De Benedetti um die Kontrolle des Mondadori-Verlages in den Jahren 1990 und 1991 die Römische Justiz bestochen zu haben. Neben Berlusconi und Previti stehen auch der prominente Römische Ex-Richter Renato Squillante und Rechtsanwalt Attilio Pacifico vor Gericht. Berlusconi wird der Korruption beschuldigt. Die Vorverhandlungen sind im Gange.

Starstürmer Lentini: Seit vergangenem Juni läuft gegen Berlusconi ein Prozess wegen Bilanzfälschung. Der Ehrenpräsident des Fußball-Erstligisten AC Milan muss sich dabei im Zusammenhang mit mutmaßlichen Schwarzgeldern bei einem spektakulären Spieler-Transfer verantworten. Der Berlusconi-Club hatte 1992 für den Kauf des Spitzenspielers Gianluigi Lentini vom AC Turin offiziell eine Ablösesumme von 18,5 Milliarden Lire gezahlt. Der Anklage zufolge zahlten die Mailänder aber weitere zehn Milliarden Lire Schwarzgeld, die auf Schweizer Konten geflossen sein sollen.

Telecinco: Der oberste spanische Gerichtshof hat dem Europaparlament im vergangenen Juli einen Antrag auf Aufhebung der Immunität Berlusconis gestellt. Damit sollen Ermittlungen der Justiz gegen den Pressemagnaten wegen einer möglichen Betrugsaffäre bei dem zur Berlusconi-Gruppe gehörenden spanischen Privatsender Telecinco ermöglicht werden. Berlusconi und sein Vertrauensmann Marcello Dell' Utri stehen im Verdacht, bei der Übernahme von Anteilen des privaten spanischen TV-Senders Telecinco in mehreren Fällen Steuern hinterzogen zu haben. Außerdem wird ihnen Betrug vorgeworfen. Berlusconis Medienkonzern Fininvest hält 25 Prozent der Anteile von Telecinco. Im Europaparlament ist um die Aufhebung von Berlusconis Immunität ein heftiger Streit entflammt. (APA)

Share if you care.