Jessica Hausner ist zum zweiten Mal an der Croisette

9. Mai 2001, 23:19
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"Kunst und Kommerz sind nicht zwangsläufig ein Gegensatz", meint die Regisseurin von "Lovely Rita"

Wien - Die österreichische Filmemacherin Jessica Hausner stellt bei den heurigen Filmfestspielen in Cannes in der prominenten Programmreihe "Un Certain Regard" ihren ersten langen Spielfilm "Lovely Rita" vor. Die 28-jährige Wienerin, bereits zum zweiten Mal in Cannes, ist in der heimischen Filmszene längst keine Unbekannte mehr. Sie wird zusammen mit Barbara Albert, Kathrin Resetarits, Mirjam Unger und Ruth Mader genannt, wenn vom viel bestaunten weiblichen Filmnachwuchs-Wunder in Österreich die Rede ist.

Die Tochter des bekannten Malers Rudolf Hausner (1914-1995) wurde am 6. Oktober 1972 in Wien geboren und hat an der Wiener Filmakademie studiert. Schon ihre erste Arbeit, der Kurzfilm "Flora" (1996), der sich mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, wurde in Locarno ausgezeichnet. Der 45-Minuten-Streifen "Inter-View", ihr Zweitling, zugleich ihr Abschlussfilm an der Filmakademie, wurde 1999 in die offizielle Nachwuchsschiene "Cinefondation" nach Cannes eingeladen. "Inter-View" zeichnet auf halbdokumentarische Weise das Porträt eines jungen Mannes, der unter dem Vorwand, Interviews über den Sinn des Lebens zu führen, Kontakt zu seinen Interviewpartnern sucht.

Lovely Rita

Um die Sehnsucht nach menschlicher Nähe und zugleich um deren Unerfüllbarkeit geht es auch in "Lovely Rita", beschreibt Hausner das Thema des neuen Films. Im Mittelpunkt der Handlung steht die 14-jährige Rita, Tochter aus gutbürgerlichem Wiener Haus, deren Konflikte mit ihrer Umwelt sich in einer Gewalttat entladen: Rita erschießt ihre Eltern. Wobei dieser Mord nicht der Höhepunkt der Geschichte, sondern ein Ereignis von vielen sei, betont Hausner, "auf den soll man sich nicht draufsetzen". Die Geschichte basiert auf einem authentischen Fall aus den 70ern, den Hausner am Jugendgerichtshof recherchiert hat.

"Ich habe eine Geschichte von einem jungen Mädchen gesucht, das aussieht, als könne es keiner Fliege etwas zu Leide tun, und dann passiert genau das Gegenteil, etwas das niemand erwartet hätte. Mich hat die Diskrepanz interessiert zwischen dem Anschein und dem was dahinter liegt. Beide Dinge sind nicht erklärbar miteinander verbunden." Der historische Mordfall sei letztlich aus Zufall passiert. "Die Waffe ist auf der Küchenkredenz gelegen, weil sie zur Reparatur sollte. Nach einem ein Streit ist es zu einer Kurzschlusshandlung gekommen."

Hinter der Geschichte steht für Hausner die allgemeine Frage, ob es überhaupt möglich sei, jemand anders zu verstehen. "Der Ursprung dieses ganzen Films ist ein Leidensdruck. Ich verzweifle manchmal an dem Gefühl, dass die Welt sich meinem Zugriff entzieht, weil ich ständig abhängig bin von Zufällen und Dingen, die ich nicht beeinflussen kann, und von Menschen, die ich nicht berechnen kann. Weil ich mich ja nicht einmal selber kenne." Das autobiografische Element sei dabei gleichsam "die Wolle, aus dem man den Pulli strickt".

Die Produktion

Gedreht hat Jessica Hausner "Lovely Rita" mit Laien. "Weil die nicht so gut über sich selbst Bescheid wissen wie professionelle Schauspieler und daher dieses Bild von der Wirklichkeit, das sich dem Verständnis entzieht, besser herstellen können."

Produziert wurde "Lovely Rita" von der Coop 99, die Jessica Hausner gemeinsam mit den Studienkollegen Barbara Albert, Antonin Svoboda, Martin Gschlacht und Gilbert Petutschnig gegründet hat. "So ist man langfristig ganz anders am Gewinn des Films beteiligt. Der Hauptgrund war aber, die Zügel in der Hand zu halten und Produktionsbedingungen bestimmen zu können." Koproduzenten von "Lovely Rita" sind die Wiener Prisma Film und die Berliner Essential Film. Die Drehzeit - es wurde auf Video gedreht - betrug acht Wochen, das Budget "12 bis 14 Millionen" und kam großteils aus Österreich (ORF, Österreichisches Filminstitut und Wiener Filmfonds), weiters vom Filmboard Brandenburg und von Arte.

"Kunst und Kommerz sind nicht zwangsläufig ein Gegensatz"

Die Teilnahme in Cannes vor zwei Jahren hat Hausners Karriere durchaus genutzt. So hat sie dort den Berliner Koproduzenten von "Lovely Rita" kennengelernt, der "Inter-View" in den Weltvertrieb genommen hat. Auf eine internationale Karriere und die schwierigen heimischen Produktionsbedingungen angesprochen, meint Hausner, sie sei im Moment hin- und hergerissen zwischen dem Ausland und Österreich. "Ich fühle mich dem Land verbunden, weil ich hier aufgewachsen bin und es kenne. Wie die Leute und ihre Wohnungen ausschauen, wie sie reden und sich anziehen, das ist mein Material. Und ich habe auch das Gefühl, dass sich hier einiges tut. Nicht umsonst habe ich die Produktionsfirma hier gegründet. In Deutschland, wo viel Geld in den Film investiert wird, wird auch viel Kommerzielles produziert. Es ist sicher kein Zufall, dass Deutschland schon seit Jahren keinen Film mehr in Cannes hat."

Dabei seien Kunst und Kommerz nicht zwangsläufig ein Gegensatz, betont Hausner. "Ich bin sicher, dass 'Lovely Rita' ein Außenseiterfilm ist. Noch bin ich nicht so weit, aber für die Zukunft habe ich schon die Vision, viele Leute anzusprechen." Dass in Österreich gerade die jungen Filmemacherinnen zurzeit so erfolgreich sind, erklärt sie sich mit dem entspannteren Selbstverständnis der Regisseurinnen. "Es geht in ihren Filmen nicht mehr nur um die Frauenthematik. Ein weiblicher Blick ist heute genauso ein persönlicher wie ein männlicher. Ich glaube, wir sind die erste Generation von Frauen, denen das möglich ist. Das pusht."

"Berauschendes Gefühl"

Hausner selbst ist zum Filmemachen ursprünglich über das Schreiben gekommen. "Irgendwann habe ich dann eine Videokamera in die Hand bekommen und meine Geschichten gefilmt. Dass das, was man sich ausgedacht hat, plötzlich vor den eigenen Augen abläuft, war ein unheimlich berauschendes Gefühl. Ab dem Moment war es für mich eigentlich klar." Hausner ist eingebunden in ein künstlerisches familiäres Umfeld, das sie in mehrfacher Hinsicht geprägt hat. Ihre ältere Schwester Xenia ist eine bekannte Malerin und Bühnenbildnerin, die zweite Schwester Tanja ist Kostümbildnerin und hat "Flora", "Inter-View" und "Lovely Rita" ausgestattet.

Mit dem Vater, der auch ein großer Filmliebhaber war, habe sie sich auch viel über Kino unterhalten. "Er ist ein Vorbild, weil er immer das gemacht hat, von dem er geglaubt hat, dass er es tun muss, obwohl er auch viele schlechte Zeiten durchgemacht hat und über 40 war, ehe er sein erstes Bild verkauft hat. Ich weiß, dass ich von ihm das Vertrauen habe, dass das, was wahr ist, sich irgendwann auch den Menschen vermittelt." (APA)

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