Gefahr einer "italienischen Telekratie"

4. Mai 2001, 12:10
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Politologen warnen vor Berlusconis "Fernsehdemagogie"

Rom - Silvio Berlusconi greift wieder nach der Macht. Siegessicher proklamiert der Mailänder Medientycoon, dass sein Wahlerfolg mathematisch sicher sei. Der braungebrannte, stets lächelnde Milliardär fasziniert Massen von Italienern mit der Erfolgsstory des "Selfmade-Man", der halb Italien besitzt: Von drei landesweit ausgestrahlten Fernsehkanälen, über den Fußballklub AC Milan bis zu Kinoketten, Zeitungen und Versicherungen.

Berlusconi scheint überall mitzumischen. Wegen seiner Konflikte zwischen politischen und wirtschaftlichen Interessen sowie wegen der Demagogie, mit der er seine TV-Kanäle für die Wahlkampagne einsetzt, ist Berlusconi für viele Intellektuelle ein rotes Tuch.

"Berlusconis Persönlichkeit fasziniert die Leute. Der Wahltag ähnelt immer mehr einem Referendum für oder gegen Berlusconi", sagt Sergio Romano, einer der führenden Historiker und Publizisten in Italien ."Der Schlüssel seines Erfolges ist sein Reichtum, er verkörpert den geheimen Traum vieler Italiener", so Romano. Seiner Ansicht nach muss Berlusconi im Fall eines Wahlsiegs das Vertrauen Europas gewinnen. "Er wird seine Koalitionspartner davon überzeugen müssen, dass die Glaubwürdigkeit seiner Regierung vor allem von der Glaubwürdigkeit seiner Europapolitik abhängt", so Romano. Nur auf diese Weise könne er seine politische Isolierung vermeiden.

"Er verkörpert den geheimen Traum vieler Italiener"

Der prominente Politologe Giovanni Sartori warnt vor der Gefahr einer "italienischen Telekratie" unter Führung des Königs der europäischen TV-Zaren, Berlusconi. "Berlusconi, der allein die Hälfte der nationalen Fernsehkanäle besitzt, kann im Gegensatz zu anderen Parteien gratis seine Wahlkampagne durchführen. Die Verletzung der simpelsten Regeln der Demokratie ist offensichtlich", klagte Sartori." Die Videopolitik tendiere dazu, die Parteien herkömmlicher Art zu zerstören, die Teledemokratie begünstige selbstmörderische Formen direkter Demokratie, fügte er hinzu.

Ein weiterer Politikwissenschaftler, Gianfranco Pasquino, ist der Ansicht, dass Berlusconi zum "italienischen Big Brother" werden könnte, sollte er die Wahlen am 13. Mai gewinnen. "Bei Berlusconi treten klare Interessenkonflikte auf", so Pasquino. In keinem anderen demokratischen Land würde ein so mächtiger Unternehmer als Regierungschef akzeptiert werden. So käme etwa CNN-Chef Ted Turner niemals als amerikanischer Präsident in Frage. Dasselbe gelte für Australiens Medienmogul Rupert Murdoch. Die Italiener kümmere dies jedoch nicht besonders.

"Blindheit" der Wähler

Diese offenbare "Blindheit" der Wähler ist es, die Italiens Intellektuelle so stark verstört. Sie reagierten mit heftiger Ablehnung auf die schönfärberische Autobiographie Berlusconis, die in zwölf Millionen Exemplaren gedruckt und an Italiens Haushalte verteilt wurde. "Una storia italiana" (Eine italienische Geschichte) heißt das mit zahlreichen Berlusconi-Bildern illustrierte Werk, in dem das Leben des Medienmoguls von der Kindheit bis zu seinem Eintritt in die Politik vor über sieben Jahren geschildert wird.

Auf den Fotos ist er als Kind mit seinen Eltern, als Unternehmer, als Familienvater und bei einer Begegnung mit Ex-US-Präsident Bill Clinton zu sehen. Die 128 Seiten umfassende Biografie solle noch unentschlossenen Wähler - nach jüngsten Umfragen etwa 26 Prozent - "überzeugen", erläuterten Berlusconis Mitarbeiter den Zweck der Publikation.

Auch Indro Montanelli, der legendäre Nestor des italienischen Journalismus, spart nicht mit heftigen Angriffen auf Berlusconi. Er sieht besorgniserregende Analogien zwischen dem Aufstieg von Berlusconi, der sich selbst als "bester Politiker Europas" bezeichnet, und dem, was sich in Italien am Beginn der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit dem Aufstieg Benito Mussolinis ereignet hat.

Diesen Pessimismus teilt auch der Philosoph Norberto Bobbio, der in einem Appell auf die Gefahr hinweist, die ein Wahlsieg von Berlusconis Bündnis für die Demokratie bedeuten würde. Dieser Appell ist inzwischen von mehr als tausend Personen unterschrieben worden, darunter von mehreren der angesehensten Intellektuellen in Italien. (APA)

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