"Es galt, die Höflinge zu bekämpfen, nicht Karajan"

7. Mai 2001, 22:21
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Gerard Mortier plauderte mit Heinz Sichrovsky

Wien - Der Andrang, als Festspiel-Intendant Gerard Mortier mit "News"-Kulturchef Heinz Sichrovsky im "Haus der Musik" einen "Konzert und Gespräch"-Abend absolvierte, hielt sich - wohl wetterbedingt - in einem in Grenzen. Was schade war, denn die Veranstaltung erwies sich als durchaus vergnüglich.

Sichrovsky warf seinem "publizistischen Traumpartner" die richtigen Stichworte hin und der Flame, der sich allerdings in Peter Sellars' Charakterisierung eines "kleinen Napoleon" nicht wiedererkennen wollte ("ich halte nicht viel von Generälen, ich sehe mich eher in Verwandtschaft eines Voltaire, eines Karl Kraus, eines Albert Einstein"), reagierte gemäß der Erwartung - wenngleich in der Wortwahl meist durchaus moderat. Gescheitert sei er, auch wenn in Wiener Zeitungen in diesem Sommer sicher viel von seinem Scheitern die Rede sein werde, nur bei der "Demokratisierung der Preise", Richard Strauss halte er - mit kleinen Einschränkungen - sehr wohl für einen großen Künstler ("ich habe fünf Neuinszenierungen gemacht, die Erben haben 16 Millionen Schilling an Tantiemen von uns bekommen"), gegen Karajan hätte er künstlerisch rein gar nichts gehabt ("es galt immer nur, die Höflinge zu bekämpfen, nicht Karajan selbst"), nur wäre nach 35 Jahren Regentschaft die Zeit reif für einen Wechsel gewesen.

Den Wiener Philharmonikern, deren Preis sich in seiner Amtszeit verdoppelt hätte, streute er Rosen (und kündigte einen eigenen Beitrag über sie in seinem Abschiedsbuch an), Nikolaus Harnoncourt ("die Wiener Kritik hat ihn erst zu lieben begonnen, als er sich mit mir zerkracht hat") schätze er ebenso wie Peter Stein ("einer der größten Theatermänner, denen ich je begegnet bin" - "es gibt wenige, die so lange mit ihm zusammengearbeitet haben wie ich"). Das Problem seines Nachfolgers Peter Ruzicka ("ein großer Denker, ein großer Intellektueller") werde es sein, "nicht nur Ideen zu haben, sondern diese auch umsetzen zu können", denn dieser hätte die Oberaufsicht über die Technik - und damit das direkte Eingriffs- und Mitspracherecht bei den entsprechenden Kostenrechnungen - an seinen Verwaltungsdirektor abgegeben. Auf das von ihm künftig geleitete Ruhrfestival freue er sich "als Kontrastprogramm" sehr und sei bei seiner diesbezüglichen Planung bereits recht weit.

Zum Abschied Karajan-Büste und Mozartkugel-Vitrine

Mortier hat sich trotz Einzementierung der neuen politischen Verhältnisse in Österreich seine moralische Grundeinstellung erfreulicherweise nicht verwässern lassen. Sein Kommentar zu Bundeskanzler Wolfgang Schüssel: "Er wird sein ganzes Leben zu verantworten haben, dass er die FPÖ in die Regierung hat lassen", zur Bundesregierung: "Ich habe keine Illusionen, diese Regierung wird lange an der Macht bleiben - und das wird lange, lange Folgen nach sich ziehen".

Wieder ein wenig elfenbeinturmkultureller wurde der Abend, der von der Pianistin Madoka Inui und dem Geiger Florian Zwiauer mit Stücken von Messiaen, Strauss, Debussy und Mozart begleitet wurde, als Mortier einen kleinen Einblick in seine letzte Salzburger Festspiel-Saison gab, in dem er zwar die abgesagte Oper "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" als zeitgenössischen Beitrag schmerzlich vermisse, aber sonst "das größte Wagnis" eingegangen wäre: "Es war mir ein großes Anliegen, in meinem letzten Jahr große Traditionsstücke neu zu inszenieren."

"Ganz neue Sicht auf Mozart"

Christoph Marthalers "Figaro"-Inszenierung, die eine "ganz neue Sicht auf Mozart" eröffnen soll, werde sicher "sehr kritisiert werden", auch bei der "Fledermaus", bei der Hans Neuenfels Regie führt, "hoffe ich, dass es eine sehr umstrittene Aufführung wird", so Mortier: "Neuenfels sagt, es gibt nur zwei Arten, die 'Fledermaus' zu inszenieren: die von Otto Schenk und die von ihm." Viel will Mortier noch nicht verraten, nur, was die Aufführung nicht werden soll: "Es wird kein politisches Kabarett, kein Problemstück. Es wird sehr lustig - aber es ist natürlich ein Stück über den Untergang". Eine radikale Neuinterpretation verspricht jedenfalls die Darstellung des Frosch durch eine grün gekleidete, an den Conferencier von "Cabaret" erinnernde Elisabeth Trissenaar.

Und schließlich "Ariadne auf Naxos": "Das ist ein Stück über Salzburg, das wird ein großes Stück über die Salzburger Festspiele sein". Im Bühnenbild soll nicht nur das Festspielhaus wiedererkennbar sein, auch die Verwendung einer Karajan-Büste und einer Vitrine mit Mozartkugeln kündigte Mortier an.

Auf eine ganz besondere Abschiedsüberraschung darf sich das Publikum der "Fledermaus"-Vorstellung am 31. August freuen. Für diese allerletzte Vorstellung seiner Amtszeit verspricht Mortier lächelnd seine höchstpersönliche Mitwirkung in Kostüm und Maske: "Aber Sie werden mich nicht erkennen." (APA/red)

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